Gemeinschaft zur Förderung des missionarischen Werkes von Bruder Johannes Baptista Stiehle CSsR. e.V.   © 2006ff

Mein Name ist Veit Feger. Ich bin sechzig Jahre alt und leite die Schwäbische Zeitung Ehingen seit 1975 - in der Nachfolge meines Vaters Ludwig Feger und meines Ururgroßvaters Thomas Feger, der die Zeitung für den Raum Ehingen 1834, sieben Jahre nach deren Gründung, übernahm. Eine wichtige Rolle als Lehrer an den Universitäten Tübingen beziehungsweise Frankfurt spielten für mich in den 60er Jahren die Philosophen Ernst Bloch, Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas.

Biografie 1899Ich habe das unverdiente Glück, bei der "Wiederentdeckung" von Bruder Johann Baptist Stiehle ein wenig mitzuhelfen. Der Mann, dem sich fast alles an dieser Arbeit der "Entdeckung" und Würdigung verdankt, der frühere Bürgermeister und Ortsvorsteher seiner Heimatgemeinde Dächingen, Franz Holzmann, hat mich nun gebeten, einige Zeilen zu dieser von Martin Daferner gestalteten Website beizusteuern. Dies ist eine Ehre für mich, die allenfalls dadurch gerechtfertigt wird, dass ich ein begeisterter Begleiter insbesondere der "Entdeckerzeit" war.

Mein Beitrag muss sein, die Arbeit von Franz Holzmann zu betonen (etwas, was dieser freundliche, bescheidene Mann vermeidet), und mein Beitrag kann sein, den ungewöhnlichen Beginn der "Entdeckung" kurz zu erzählen und auf diese Weise vielleicht auch die auf der neuen Website vorwaltende Schilderung der Heiligkeit und Größe unseres verehrten Johannes Stiehle mit ein bisschen Lese-Spaß anzureichern. So etwas darf auch bei Heiligen sein oder bei Menschen auf dem Weg zur "Ehre der Altäre".

Tja, es war Anfang der 80er Jahre, als Franz Holzmann, den ich seit Kindertagen kannte, in die Ehinger SZ-Redaktion kam und mir ein Büchlein zeigte, das in der Druckerei meines Großvaters zu Beginn des 20. Jahrhunderts gedruckt worden war. Holzmann meinte: "Da steht so viel Beachtliches über diesen Mann aus Dächingen drin - und hierherum weiß niemand mehr etwas von ihm! Sollten wir das nicht nachprüfen und uns vielleicht auch mehr Erkenntnisse über Bruder Johannes verschaffen?" - Ich war bereit, diese von Holzmann erbetene Aufgabe zu übernehmen, war aber zunächst recht hilflos: Ich wusste nicht, wie die Sache anpacken, und ließ - gestehe ich - das Büchlein ein Jahr, vielleicht auch zwei, in einem Fach meines Schreibtischs schmoren, bis ich allen Mut zusammennahm, einen Brief aufsetzte, diesen von dem Ehinger Gymnasiallehrer Bohusch ins Spanische übersetzen ließ, auf der Volksbank 20 Mark in Dollar umwechselte, in die Briefhülle legte, frankierte und einfach so "an die Redemptoristen in Cuenca" schickte. Ich dachte: Diese Ordensniederlassung gibt es vielleicht gar nicht mehr.

Es folgte eine mehrwöchige "Funkstille". Eigentlich erwartete ich auch gar keine Antwort. Dann - schlag mer s' Blechle! - ein Brief aus Cuenca, von einem Pater Juan Abril, mit viel Text und mehreren Fotos, darunter einige von dem in Cuenca gerade eingeweihten Gemeindezentrum "Hermano Juan Bautista Stiehle" und mit einem großen Wandbild drauf, das Stiehle mit einem Modell des Doms von Cuenca in der Hand zeigt, diesem seinem größten architektonischen Werk (ein Darstellungstyp, wie wir ihn aus spätmittelalterlichen und barocken Kirchengründungsbildern kennen)

Franz Holzmann und ich freuten uns wie die Schneekönige: Dieser Brief war Ostern und Weihnachten an einem Tag.

Von da an gab es gewissermaßen kein Halten, vor allem deshalb nicht, weil der Ortsvorsteher und Wagnermeister aus dem Albdorf Dächingen - ohne ein Wort Spanisch zu sprechen so tapfer war, eine Reise nach Südamerika, genauer: nach Cuenca, zu buchen, sich mit eigenen Augen von den Zeugnissen der Arbeit J. B. Stiehles zu überzeugen, viele der von ihm geplanten Bauten zu fotografieren, aber auch das Kloster, in dem Stiehle gelebt hatte, vieles auch in Cuenca Vergessene wieder aufzutun und es zu dokumentieren. Veit Feger begleitete diese Such- und Findearbeit in seiner Zeitung mit Begeisterung und berichtete seitenweise mit Text und Bild über die Entdeckerfahrt Holzmanns, später dann über die beginnende Gründung einer Partnerschaft und über die Würdigung, die die Arbeit von Bruder Johannes Stiehle zunehmend auch in Südamerika erfuhr und immer noch erfährt.

Ich erinnere mich gut, wie ich Mitte der 80er Jahre an einem Stefanstag den gerade von seiner ersten Südamerika-Reise zurückgekehrten Franz Holzmann in Dächingen besuchte und sah, was er für seine Kinder und Enkel als Reiseandenken mitgebracht hatte. Das war auch richtig so: Die fünf Kinder von Franz Holzmann haben ihren Vater, einen Witwer, von Anfang an und über die Jahre hinweg unauffällig, aber auf vielfältige Weise bei seiner Arbeit unterstützt.

Inzwischen sind bald zwanzig Jahre ins Land gegangen, und viel ist seitdem passiert in Sachen "J. B. Stiehle".

Eine besondere "Erfolgsgeschichte" (hier darf dieses meist missbrauchte Wort zu Recht verwendet werden) war das "Auftauchen" zahlreicher Briefe, die Bruder Johannes vor über hundert Jahren nach Deutschland geschickt hatte und die erstaunlich! in einer ganzen Reihe Familien über hundert Jahre hinweg sorgfältig in Schuhschachteln etc. aufbewahrt wurden. Franz Holzmann machte sich unendliche Mühe, diese mit kleinster Schrift auf dünnstem Papier geschriebenen, zum Teil auch heute politik- und sozialgeschichtlich interessanten Briefe zu entziffern und für eine gedruckte Wiedergabe aufzubereiten. Via Internet sind diese Briefe nun auf der neuen Website bequem und kostenlos von jedermann überall auf der Welt lesbar.

Die ersten der vielen von F. Holzmann gesammelten Briefe J. B. Stiehles wurden in der Ehinger Schwäbischen Zeitung veröffentlicht. In der Folge schilderte die SZ (teils unter Mithilfe des in Dächingen wohnenden Lehrers Kurt Efinger) die weiteren Entdeckungsreisen Holzmanns, die Besuche der Cuencaer Helferin Rosa Dunia und von ecuadorianischen und deutschen Geistlichen aus Cuenca in Dächingen, die Errichtung von Erinnerungsmalen für J. B. Stiehle in Cuenca und Dächingen.... Hier darf an den in Cuenca tätigen Steyler Missionar Gerhard Heghmans erinnert werden, der die Arbeit von Franz Holzmann von Beginn an vielfältig unterstützte und auch mehrfach Dächingen besuchte, und an den aus der Nachbargemeinde Erbstetten stammenden Pfarrer Sigmund Schänzle.

Einige der Berichte in der Ehinger Schwäbischen Zeitung sind auf der neuen Website dokumentiert und lassen nacherleben, dass unsere Kenntnisse von einem bedeutenden Menschen aus Dächingen und seine Würdigung nicht vom Himmel fielen, sondern gewissermaßen Sprosse für Sprosse wuchsen.

Das größte Verdienst daran kommt jenem stillen, freundlichen, bescheidenen Mann aus Dächingen namens Franz Holzmann zu. Seine Rolle wird aus den offiziellen Texten dieser Website nur dem sehr aufmerksamen Leser und auch dann nur zu Teilen erkennbar. Deshalb möchte ich diese Verdienste hier so ausdrücklich betonen.

Ein besonderer persönlicher Schlenker zum Schluss. Für mich als Zeitungsmann war die "Entdeckung" von Bruder Johannes und mein kleiner Beitrag dazu das wohl größte schöne Erlebnis meiner Berufszeit. Ich bin als Katholik erzogen und belehrt, indes schon lange nicht mehr gläubig, habe aber einen kleinen Beitrag dazu geleistet, dass ein bewundernswert tätiger, gewiss sehr frommer Mensch uns Heutigen besser bekannt wurde; scherzhaft formuliere ich bei Gelegenheit: "Die Schwäbische Zeitung und ein »ungläubiger Thomas« haben der katholischen Kirche einen neuen Heiligen verschafft." Ein gläubiger Mensch darf das so umformulieren: "Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade."

Veit Feger, Ehingen, 16. März 2004