Gemeinschaft zur Förderung des missionarischen Werkes von Bruder Johannes Baptista Stiehle CSsR. e.V.   © 2006ff

Im Herbst 1873 wird Bruder Johannes von P. Desurmont gefragt, ob er nicht wünsche, nach Amerika zu reisen. Hintergrund dieser Anfrage dürfte der Wunsch von P. Joseph Glaudel aus Nancy, nun Provincial der Redemptoristen in Cuenca, gewesen sein, einen Ordensangehörigen für Ecuador zu gewinnen, der »zugleich bauen und erbauen konnte, bauen nämlich die materiellen Häuser, erbauen aber die künftigen Novizen«. Seiner Grundhaltung gemäß und im Wissen um die durch den Ordenseintritt eingegangene Verpflichtung überläßt Bruder Johannes die Entscheidung für seine Übersiedlung nach Ecuador dem Provinzial. »Ehrwürdiger Vater, als ich in die Kongregation eintrat, gab ich meinen Willen auf. der Wille der Oberen ist meiner ... Mögen sie also mit mir tun, was ihnen gefällt.« P. Desurmont freute sich, erteilte ihm den Segen und fügte hinzu: »Mein bester Bruder Johannes, ich bin überzeugt, daß du von unserem Herrn berufen bist, der Congregation in Amerika Hilfe zu bringen. Dort werden dich ohne Zweifel viele Arbeiten erwarten, aus denen, des bin ich gewiß, du ebenfalls große Heiligkeit schöpfen wirst. Geh also beseelt von großem Vertrauen, und Gott und die heilige Jungfrau seien stets mit dir!« Eine andere Überlieferung weiß zu berichten: »Bruder Johannes wird nach Cuenca geschickt, um dort das Kloster und die Kirche zu erbauen.

Eine erste Gruppe mit Ordensangehörigen der Redemptoristen bricht am 7. 4. 1870 an Bord des französischen Dampfers »Kaiserin Eugenie« vom Hafen Saint Nazaire nach Ecuador auf und kommt dort am 13. 5. 1870 an. Die Ordensleute beziehen in Cuenca das kleine Kloster San Augustin, das von Augustinermönchen verlassen worden war. Am 7. Oktober 1873 tritt eine zweite Gruppe von fünf Ordensangehörigen, P. Ludwig Courtot und die Brüder Johannes, Mathias, Viktor und Theodor, die Schiffsreise nach Ecuador an. Vermutlich reisen sie mit dem Schiff »Neue Welt« und erreichen Riobamba am 16. 11. 1873. (Die genauen Daten der Ankunft dieser zweiten Gruppe, mit der Bruder Johannes reist, sind unsicher; die Zeitangaben divergieren um einen Monat). In einem Brief von 1873 beschreibt Bruder Johannes: »In unserem Kloster zu Avon kommen wir alle fünf zusammen, und gingen am 5.Oktober von Avon fort und kamen am 6.Oktober nach St. Nacaire, und morgen am 7. Oktober werden wir Einschiffen auf einem Dampfschiff. Unsere Reise geht über die Insel St.Thomas, Panama und in Esmeraldaso werden wir wieder aussteigen und den Rest zu Land machen.«  

Nach menschlichem Ermessen und aufgrund von Erlebnisschilderungen von Zeitgenossen darf angenommen werden, daß Bruder Johannes der Abschied von Europa, verbunden mit der fast sicheren Gewißheit, daß eine Rückkehr in die Heimat nicht möglich sein würde, die anstrengende, über einen Monat dauernde Überfahrt und der Neubeginn in einer anderen Weit mit einer ihm fremden Kultur und Sprache nicht leicht gefallen sind. Die ersten derzeit bekannten Briefe von Bruder Johannes aus der Neuen Welt sind in den Jahren 1874 und 1875 geschrieben; diese enthalten keine Hinweise zur Überfahrt und Ankunft. Erst nach zehnjährigem Aufenthalt in Ecuador kommt er in einem Brief an die Geschwister und Verwandten darauf zu sprechen, aber nicht um zu klagen, sondern um ihnen Trost und Hoffnung in schwieriger Situation zu vermitteln: »Auch mich traf das Los, in die Verbannung zu gehen (Kulturkampf 1873 Elsaß, d. Verf.), aber was hat mir alles das geschadet? Ja, alles dieses hat nur beigetragen, mir das innigste Verlangen meines Herzens zu erfüllen, welches mir Gott schon in meiner Jugend gegeben hatte, nämlich teilzunehmen an den fremden Missionen. Und daher kann ich auch in aller Wahrheit sagen, daß ich nirgends so zufrieden war wie hier in Cuenca, und ich bin hier wie in meiner eigenen Heimat.»

In der Tat nimmt Bruder Johannes durch den totalen Einsatz seiner Begabung und Fertigkeiten auf den Ebenen der Holzschnitzerei und Baukunst aktiv «an den fremden Missionen» teil. Er entwirft zahlreiche Sakralbauten für Ordensniederlassungen in verschiedenen Teilen Lateinamerikas und begleitet die Bauten in Cuenca und Umgebung. Er liefert Baupläne für Krankenhäuser, Schulen und Kollegs und öffnet so neue Wege kirchlich sozialen Handelns in der Krankenpflege und im kirchlichen Bildungswesen. Gewiß auch im Wissen darum, daß ein Fortschritt in den pastoralen und sozialen Diensten kaum ohne den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur zu erreichen ist, hat er sich auch im öffentlichen und privaten Bauwesen, insbesondere im Straßen- und Brückenbau, verdient gemacht.