Gemeinschaft zur Förderung des missionarischen Werkes von Bruder Johannes Baptista Stiehle CSsR. e.V.   © 2006ff

Das schwere Erdbeben vom 29. Juni 1887 richtete in Cuenca und Umgebung große Verwüstungen an. Bruder Johannes, der das Beben erlebte und seine Auswirkungen beobachtete, hat das Geschehen auch ein halbes Jahr später noch unvergessen vor Augen: »Die furchtbaren und heftig schnellen Bewegungen der Türme, Kirchen, Häuser und Bäume waren schrecklich anzusehen, dazu kam noch das Geräusch der Erde selbst, welches wie ein starker, schwerer Donner war, das Kra- chen der brechenden Mauern, das Knacken und Brechen der einstürzenden Dächer auf den Häusern und das furchtbare Jammergeschrei der Menschen.« Es wundert nicht, daß nach einer derartigen Katastrophe neben kirchlichen und staatlichen Behörden auch viele Privatleute Bruder Johannes um Rat nachsuchen, ob sie ihr Haus ohne Lebensgefahr betreten können. »Während acht Tagen war ich nur beschäftigt, die Häuser in Cuenca zu untersuchen, und sah mehr als jeder andere den großen Schaden, den Cuenca erlitten hat, fand einige Häuser in welchen ich nicht zugeben konnte, auch nicht nur eine Nacht in ihnen zu schlafen.« In diesen Tagen gab man ihm im Volksmund den Ehrennamen »el medico de las casas« (Häuserdoktor).

Seinem Bruder Chrisostomus in Dächingen schreibt er als Dreiundsechzigjähriger, daß er mit zunehmendem Alter immer mehr Arbeitsaufträge bekommt. Gleichsam zur Illustration beschreibt er die Anfänge eines Projektes und skizziert weitere listenmäßig. »Wegen sehr dringenden Arbeiten waren unter mehreren anderen ein Plan für ein Spital für ein Städtchen, welches eine Tagereise von hier entfernt ist, für die Schwestern aus dem Orden der Hl. Katharina genannt. Ich war bereits eine ganze Woche dort, um den Platz auszusuchen, für den Plan machen zu können, und auch jetzt sollte ich wieder hingehen, um dem Gebäude den Anfang zu geben. ... Ich habe gegenwärtig nebst unserer Kathedrale, nebst unserem eigenem neuen Kloster, welches wir im Bauen sind, auch die Leitung einer neuen Kirche, zwei große Schulhäuser, ein Haus für das ehrwürdige Konsilio, das große Seminar, den Spital in Culica, eine neue Brücke.« Die Liste laufender Bauprojekte gibt er als Entschuldigung für seinen verspäteten Antwortbrief. Als Folge der vielen Zeichnungen büßt er seine Sehkraft mehr und mehr ein. Sein Vorsatz, nichts Neues mehr anzunehmen, »um nicht das Gesicht (d.i. die Sehkraft, d. Verf.) ganz zu verlieren, kann er nicht einhalten: »immer wieder (kommen) andere so zudringlich, daß man es nicht leicht abschlagen kann«.

Bruder Johannes ist auch bei anstehenden gerichtlichen Entscheidungen gefragt. Gutachtliche Tätigkeiten nimmt er an, richterliche Entscheidungen lehnt er ab. In seinem Brief vom 8. 3. 1891 an den Bruder Anton ist davon, von ortsüblichen juristischen Verfahrensweisen und von einer großzügigen Besetzung des juristische Berufsstandes die Rede: »Erst vor kurzem bekam die Regierung wegen einem Straßenbau in einer anderen Provinz des Ecuadors einen wichtigen Prozeß mit dem Direktor dieses Werkes. Die Regierung ernannte mich, die ganze Sache zu untersuchen und zu richten, welches letztere ich ihnen geradezu abschlug, denn hierzulande hat man nicht ein Oberamtsgericht wie bei Euch, sondern in jeder Provinzstadt werden von der Regierung einige Advokaten als Richter ernannt und wenn jemand einen wichtigen Prozeß anfangen will, so können die beiden Parteien sich einen aus diesen ernannten Richtern erwählen. In Cuenca sind mehr als 200 Advokaten. Um jedoch der Regierung nicht alles abzuschlagen, begab ich mich an Ort und Stelle und nachdem ich alles in Augenschein genommen hatte, sandte ich eine schriftliche Erklärung an die Regierung in Quito, welches die Residenzstadt ist, damit die Sache dort gerichtet werde.«

Die Stadt Cuenca weiß um die unersetzlichen und selbstlosen Dienste des Bruders Johannes und ist gewillt, sich der Ordensgemeinschaft gegenüber anerkennend zu zeigen. Auf Initiative des Rektors, P. A. Baumer C.Ss.R., beantragt der Sekretär des Stadtrates, Manuel Andrade, im März 1897, »der Stadtrat solle die auf ausländischen Waren stehenden Steuern aufheben, damit verschiedene Sachen aus Europa eingeführt werden können, die zum Gebrauch der Gemeinschaft (der Redemptoristen, d. Verf.) bestimmt sind». Als Grund wird zum einen das kluge Verhalten der Ordensangehörigen in den politischen Auseinandersetzungen (Revolution?) und zum anderen «die großen und vielfachen Dienste, welche Bruder Johannes der Stadt leistet, und zwar gratis» angeführt.