Gemeinschaft zur Förderung des missionarischen Werkes von Bruder Johannes Baptista Stiehle CSsR. e.V.   © 2006ff

Die eigentliche Aufgabe, deretwegen man seitens der Redemptoristen in Cuenca einen Fachmann im Bauwesen aus Europa (Frankreich) anforderte, war es, ein Kloster mit zugehöriger neuer Klosterkirche zu bauen. Mit dieser Aufgabe war man an Bruder Johannes bereits in Frankreich herangetreten. In Cuenca geht er unverzüglich mit Elan und Phantasie diese Aufgabe an. Immer wieder berichtet er in seinen Briefen nicht ohne Stolz von den Baulichkeiten zu »unserer neuen Kirche«.

»Wir haben in diesem Jahr (1884, d. Verf.) sehr viel an unserer neuen Kirche gearbeitet, an den beiden Seitenschiffen ist schon der Dachstuhl gesetzt. Im Mittelschiffe ist ein Bogen gemacht, welcher 36 Pariser Fuß hoch ist. Diese Kirche wird nicht nur groß, sondern auch sehr schön werden, besonders das Portal, so daß ich mich nicht erinnere, ein schöneres in Europa gesehen zu haben und allgemein wird diese Kirche hier wie ein Wunderwerk angesehen. Ich denke, dass wir sie wenigstens in drei Jahren zu Ende bringen werden. Es ist für mich gewiß ein großer Trost, von Gott bestimmt zu sein, eine so große und herrliche Kirche zu bauen, welche ganz unserer lieben Frau von der immerwährenden Hilfe gewidmet ist, welcher guten Mutter ich ja mein Leben und alles zu verdanken habe.«"

Das Bauwerk, obgleich noch längst nicht vollendet, beeindruckt sichtlich auch den Baumeister. 1886 schreibt er- »Unsere neue Kirche zeichnet sich aus durch ihre Schönheit und Höhe, sie steht so hoch über die Stadt hervor, daß man in der Ferne glaubt, sie fange erst oben auf den Häusern an und wird hier auf dem ganzen Equator als ein Wunderwerk angesehen" In diesem Brief schildert Bruder Johannes den Fortschritt und aktuellen Stand des Baus der neuen Klosterkirche. »Wir arbeiten stark an unserer neuen Kirche, welche jetzt unter Dach ist; der kleine Thurm über dem Chore, welcher gegenwärtig fünf Glocken hat, ist ganz fertig. Die zwei großen Thürme in der Fassade sind erst so hoch wie die Kirche und werden wohl noch einige Jahre brauchen, bis sie fertig sind. Ich zähle, daß ich noch einige Jahre brauchen werde, bis nur das Innere der Kirche fertig sein wird .... «.

1885 hielt der Neubau einem Erdbeben stand. Bruder Johannes erlebte dieses Beben an der Baustelle. »Ich war in diesem Augenblick gerade oben auf den Mauern unserer neuen Kirche, wohl 45 Fuß hoch in der Höhe, ich glaubte aber, daß in Wirklichkeit alles mit mir zu Boden gehe. Doch so furchtbar die Erschütterung auch war, so ist doch in der ganzen Stadt nichts eingestürzt.« Zwei Jahre später sollte es anders kommen.

In der Morgenfrühe des 29. Juni 1887 erschütterte erneut ein Erdbeben die Provinz Cañar und Cuenca. Besonders der zweite Erdstoß war jedoch von solcher Stärke, »daß man befürchten mußte, die ganze Stadt müßte zu Boden gehen«."

Vom Klostergarten aus beobachtete Bruder Johannes voller Entsetzen die Wirkung der Erdstöße auf die im Bau befindliche Klosterkirche. »Der Turm über den Chor ... schwankte so heftig hin und her, daß alle Glocken ... zu läuten begannen. ... Mauern barsten, Dächer stürzten. ... Aus der Erde kam ein Geräusch wie krachender Donner.« Es gab Tote, Verletzte und unermeßlichen Sachschaden. In wenigen Sekunden waren jahrelange Arbeiten zunichte. Seine Schilderung an die Heimat klingt deprimierend. »Lieber Bruder, Du kannst es Dir wohl denken, welchen Eindruck es auf mich machte, als ich in unsere so schöne, und zum Theil schon so prachtvoll ausgemalte neue Kirche kam, welche ich unter so vieler Mühe und Arbeit mit dem Schweiße so vieler armen Leute durch eine so lange Reihe von Jahren erbaut habe, in so traurigem Zustand erblickte.... Wo ich nur hinschaute sah ich Risse, selbst die stärksten und größten Bögen fünf bis sechsmal geteil, und die ganze Decke der Kirche gleichsam wie zermalmt, und den Boden mit dem losgetrennten Bestiche der Kirche bedeckt. Ein Seitenschiff war der ganzen Länge nach ... getrennt" Zu alledem kam noch eine ernste Erkrankung an Gelbsucht hinzu. Obgleich es für Niedergeschlagenheit genügend Grund gab, gibt Bruder Johannes sein Werk nicht auf; mit neuer Anstrengung und Zuversicht gehen er und die anderen wieder an die Arbeit. »Als ich das Zimmer wieder verlassen konnte, begab ich mich auf ein neues daran, unsere neue Kirche wiederum zu reparieren, und glaube, sie von jetzt an in vier Monaten wieder in vorigem Zustand zu versetzen .«

Die Klosterkirche ist Maria von der immerwährenden Hilfe geweiht. In den Händen von Bruder Johannes lagen Planung und Bauleitung der neuen Kirche; er verband die neue Kirche mit einem größeren Gebäudekomplex und einem Park. P. Hamez schreibt 1899 rückblickend:

Bruder Johannes hat nicht nur »unsere neue Kirche in Cuenca ... entworfen, sondern auch errichtet. ... Er entwarf selbst unser großes, gediegenes und für unser mönchisches Leben äußerst passendes Kloster und leitete den Bau vom Fundament bis zum Dachfirst. Er baute in unserem Park für unsere Brüder, die in Frieden des Herrn von ihren Mühen ruhen, eine Grabesstätte von wunderbarer Schönheit.»" Dieses Grabmahl ist heute leider nicht mehr vorhanden.