Gemeinschaft zur Förderung des missionarischen Werkes von Bruder Johannes Baptista Stiehle CSsR. e.V.   © 2006ff

Biografie 1903

1. Einführung

Bericht über den Laienbruder Johann Baptist Stiehle, aus der Congregation des Allerheiligsten Erlösers.

In den lateinischen Jahresberichten der französischen Redemtoristen Provinz vom Jahre 1899 finden sich höchst interessante und erbauliche Züge aus dem Leben des Bruders Johann Baptist Stiehle, welcher im besagten Jahre zu Cuenca in der Republik Equador gestorben ist. Sein Beispiel mag andern zur Erbauung und Aufmunterung dienen, weshalb dessen Leben kurz im Folgenden veröffentlicht wird.

2. Seine Geburt und Jugendjahre

Johann Baptist Stiehle erblickte das Licht der Welt in dem Dörfchen Dächingen in Württemberg (Deutschland) am 1. Juni 1829. Seine Eltern waren schlichte Bauersleute. Sein Vater hieß Tiberius Stiehle, die Mutter Anna-Maria Geiselhart. Im Schweiße ihres Angesichtes erwarben sich dieselben das tägliche Brot. Sieben Söhne und fünf Töchter bildeten den Segen dieses gottesfürchtigen Ehepaares; sie zeichneten sich alle durch christliche Gesinnung aus. Wie wohl die Familie in Mitte von Protestanten und Juden wohnte, so hatte diese Umgebung auf dieselbe, vor Allen auf unseren Johann, nicht den geringsten üblen Einfluß. Er wuchs auf in Unschuld und Frömmigkeit. Im zartesten Alter schon lernte er von seiner Mutter seinen Vater im Himmel kennen und lieben, und begann Geschmack am Gebete zu finden. Besonders war es die Andacht zur heiligen Gottesmutter, welche damals bereits in seinem Herzen Wurzeln fasste.

Sobald er das nötige Alter erreicht hatte, besuchte er die Dorfschule, wo er durch außerordentlichen Fleiß und tadelloses Betragen sich die besondere Liebe seiner Lehrer erwarb. Biblische Geschichte, Katechismus, deutsche Sprachlehre und Rechnen waren die Fächer, welche gelehrt wurden: in jedem derselben zeichnete er sich vor seinen Mitschülern aus und trug am Jahresschlusse Preise davon. Sein Lehrer stellte ihm folgendes ehrenvolle Zeugnis aus: "Der Knabe ist sehr brav, gesetzten Charakters, besitzt ein gutes Gedächtnis und klaren Verstand; er war stets nur auf seine Schulfächer bedacht und zeichnete sich vor allen Mitschülern aus, denen er auch durch sein tadelloses Betragen zum besten Beispiele gereichte. Welchen Lebensberuf er auch wählen mag, so sehe ich voraus, dass er sich in demselben auszeichnen werde."

Mit zwölf Jahren wurde er nach längerer Vorbereitung zum ersten Male zum Tische des Herrn zugelassen. Über diese erste hl. Kommunion sprach er sich selbst folgendermaßen aus: "Als zum ersten Male der himmlische Geist in mein Herz einkehrte, wurde ich von einer überschwänglichen Freude erfüllt; zum Danke dafür opferte ich meinem Herrn, was ich war und was ich hatte, meinen Leib, meine Seele, mein Leben und meinen Tod. Flehentlich bat ich ihn, mich zu seinem Diener anzunehmen, und mich auf dem Wege der Tugend zum Himmel zu führen. Ich versprach auch die Todsünde und die schlechten Gelegenheiten zu fliehen, das Gebet fleißig zu üben, und monatlich die Heiligen Sakramente zu empfangen. In ähnlicher Weise weihte ich meine Person meiner himmlischen Mutter, der allerseligsten Jungfrau. Ihr zu Ehren verpflichtete ich mich, bis zu meinem Tode täglich den Rosenkranz und andere Gebete zu verrichten. Gott sei Dank! Diesen Vorsätzen bin ich stets treu geblieben." Kurze Zeit nach der ersten hl. Kommunion empfing Johann das Sakrament der hl. Firmung.

3. Seine Berufswahl

Sichtlich war es die Vorsehung Gottes, welche unseren Bruder in die Congregation führte. Nachdem er nämlich aus der Elementarschule entlassen war, wendete er sich dem Handwerksstande zu, und zwar lernte er zuerst das Schreinerhandwerk, dann die Schlosserei. In beiden brachte er es zu großer Fertigkeit, während dessen aber vernachlässigte er seine Seele keineswegs. Gegen die Eltern blieb er stets gehorsam, und seine Geschwister ermunterte er zu Hause durch Wort und Beispiel zur Tugend. Seine Frömmigkeit bekundetet er dadurch, dass er möglichst häufig die hl. Sakramente empfing. So war er für alle ein Gegenstand der Erbauung. Sein Schlossermeister hatte eine einzige Tochter, ein sehr braves Mädchen, welche eben heiratsfähig war und niemand anderes zum Lebensgefährten wünschte, als gerade ihres Vaters Lehrling. Jedermann gefiel eine solche Verbindung, außer unserem Johann, der ein weit edleres Bündnis suchte. Er sehnte sich nämlich noch auf Erden nach dem Leben der Engel und wünschte in einen religiöse Ordensgenossenschaft einzutreten, um so das ewige Leben sicherzustellen. Dies lobenswerte Vorhaben schien in dessen kaum ausführbar. Um nicht irrezugehen, fragte er einen Priester um Rat. "Dieser jedoch," wie Johann selbst erzählte, "wie wohl ein seeleneifriger Mann, widersetzte sich meinem Vorhaben aufs Entschiedenste." Zu jener Zeit bestanden nämlich in jener Gegend keine Klöster. Und die Congregation vom allerheiligsten Erlöser war gänzlich unbekannt. Darum wendete sich Johann an den Himmel und flehte zu Gott und zur allerseeligsten Jungfrau inständig um die Gnade des religiösen Berufes. Mit seinen Gebeten verband er körperliche Abtödtungen. Darum wurden sie auch in fast wunderbarer Weise erhört.

Im Laufe des Jahres 1850 nämlich kam ein Priester der Redemtoristen-Congregation, P. Joseph Arnold aus der österreichischen Provinz, wegen Familien-Angelegenheiten nach dem Dorfe Untermarthal, nahe bei Dächingen. Da seine Geschäfte ihn nötigten, allda etwa drei Wochen sich aufzuhalten, so benutzte er seine Muße, um dem Volke in Form einer Mission geistliche Exerzitien zu geben. Der Zudrang zu seinen Predigten war sehr groß. Auch unser Johann und der Priester, sein geistlicher Führer, fanden sich regelmäßig bei diesen Predigten ein, beide wurden tief gerührt und suchten den Pater auf, um über ihre Seelenangelegenheiten Aufschluß zu erlangen. Unter anderm sprach der Priester auch über den religiösen Beruf seines Beichtkindes. Diese Gelegenheit benutzte nun P. Arnold, um auch den Priester für die Congregation zu gewinnen, indem er ihn die Vorteile des religiösen Berufes in lebhaften Farben schilderte. So geschah es, dass beide für die Congregation sich begeisterten und durch P. Arnold um die Aufnahme nachsuchten. Der Priester verließ denn auch bald seine Stellung, trat zu Altötting ins Noviziat ein und legte am 15. Oktober 1852 die Ordensgelübde ab.

Für unseren Johann verwendete sich P. Arnold gleichfalls bei dem Provinzial der deutschen Provinz um die Aufnahme, welche ihm jedoch kurzweg verweigert wurde. Da aber P. Arnold mit P. Ottmann, dem Provinzial von Frankreich befreundet war, so schrieb er an diesen zugunsten unseres Johann. Die Antwort war, er sei aufgenommen und solle sobald als möglich sich nach dem Kloster von Teterchen im Elsaß begeben. Ohne auf die Tränen und das Wehklagen der Seinigen zu achten, gehorchte Johann unverzüglich der Stimme Gottes.

4. Johann als Ordensmann

Während er im Hause zu Teterchen noch im weltlichen Kleide umherging, hatte er bereits die Aufgabe erfasst, welche ihm oblag. Es war sein fester Entschluss, seine Leidenschaften abzutödten und der Tugenden sich zu befleißen, welche eine Sohn des Hl. Alphonsus zieren und einen wahren Redemtoristen aus ihm machen sollten. Man fand ihn daher auch bald würdig, mit dem Ordenskleide geziert zu werden. Diese Gnade wurde ihm noch in demselben Jahre 1850, am Feste der Unschuldigen Kinder, 18. Dezember, zuteil. Sein Novizenmeister war der heiligmäßige Geistesmann, P. Franz Laglasse. Da bedurfte es nun keines Spornes, um einen solchen vom innern Eifer entzündeten Novizen zu einem guten Ordensmann heranzubilden; es war vielmehr Klugheit und Mäßigung erfordert. Selbstverachtung und Unterwerfung des eigenen Willens verbunden mit eifrigen Gebet bildeten die Hauptmittel, welche unser Novize anwendete, um ein wahrer Redemtorist zu werden.

Da die Obern wahrnahmen, dass sie in Johann einen Bruder hatten, der sich selbst abgestorben war und nur für Gott und die Congregation lebte, so gestatteten sie ihm am 19. Januar 1854 die Heiligen Gelübde abzulegen. Diesen Tag beging der Bruder alljährlich mit dem Empfang der heiligen Kommunion und anderen Andachtsübungen; überdies unterließ er es nie, täglich bei der Morgen- und Abendbetrachtung, bei der Heiligen Messe und bei der nachmittägigen Besuchung die Gelübde zu erneuern. Er empfahl auch andern diese Übung, indem die Ablegung der Gelübde einer zweiten Taufe gleichkäme, wodurch das Ebenbild Jesu Christi in uns erneuert wird.

Der heilige Bernard sagt zwar, dass es leichter sei, einen Weltmenschen zum Guten zu bekehren, als einen Ordensmann zu höherer Vollkommenheit anzueifern. Allein dies fand auf Bruder Johann ganz und gar keine Anwendung: Seine Liebe erkaltete nie, im Gegenteil, er strebte stets höher zu steigen. Hiervon lieferte er täglich tatsächliche Beweise.

Vom Jahre 1854 bis zum Jahre 1873 führte unser Bruder in verschiedenen Häusern von Elsaß und Lothringen ein in Christo verborgenes Leben, wie es sich für einen Ordensbruder geziemt. Da man ihn zu allem gebrauchen konnte, so wurde er auch zu fast allen Ämtern verwendet. Er war Ökonom, Sakristan, Pförtner, Krankenwärter, Gärtner und sogar Koch. Zu letzterem Amte war er indes weniger geeignet. Was auch immer ihm aufgetragen wurde, führte er mit größtem Fleiße aus. Der hochwürdige P. Jenger sagte dem Verfasser der Lebensskizze: "Als ich noch in Frankreich war, kannte ich den Bruder Johann gar wohl. Nicht nur ich, sondern alle schätzten ihn hoch; alle sahen in ihm das vollendetste Muster eines Ordensmannes. Er war ein Laienbruder von jener Art, wie die Obern sich denselben in ihrer Kommunität eben wünschen: Demütig, gehorsam, ein Mann des Gebetes, zu jeder Arbeit bereit, und stets eifrig im Streben nach Vollkommenheit. Mit einem Worte: Bruder Johann war eine kostbare Perle."

5. Bruder Johann wird nach Südamerika gesendet

Das Vatikanische Konzil bildete die Veranlassung, dass die Congregation des Allerheiligsten Erlösers nach Südamerika sich ausbreitete. Im Jahre 1870 nämlich, beauftragte der heilige Vater Pius IX. auf Verlangen der Bischöfe von Riobamba und Cuenca den Pater General Nicolaus Mauron seligen Andenkens, Priester dieser Congregation nach Equador zu senden. Der Anfang der Gründungen von Riobamba und Cuenca war äußerst schwierig; die Padres hatten an allem Mangel. Kirche und Wohnung fehlte. Was sie hatten, konnte auf den Namen einer Kirche und Wohnung keinen Anspruch machen. Überdies wurden junge Leute durch die Gnade Gottes angezogen, sich Gott im Ordensleben zu schenken und sich der Congregation anzuschließen. Diese bedurften eines lebendigen Vorbildes. Es wendete sich daher der damalige Obere von Cuenca an den Provinzial P. Desurmont, er möchte ihm einen Bruder schicken, der fähig wäre, sowohl Häuser zu bauen als auch durch sein Beispiel die Gemeinde zu erbauen. Hierzu war niemand besser geeignet, als Bruder Johann. Es zögerte darum der Pater Provinzial keinen Augenblick denselben dem Hause von Cuenca zuzuschreiben, damit er gleichsam dessen Eckstein und Grundpfeiler werde.

Die überseeische Mission ist ein großes Opfer, dessen Schwere nur jene kennen, die es gebracht haben. Unser Bruder war indes zu allem bereit. Vom Pater Provinzial gefragt, ob er nach Amerika zu gehen wünsche, antwortete er: "Hochwürdiger Vater, als ich in die Congregation trat, habe ich meinen Willen verloren, der Wille der Obern ist mein Wille, einen andern zu haben, halte ich für Sünde." Entzückt von dieser schönen Antwort gab Pater Provinzial ihm den Segen und setzte bei: "Mein lieber Bruder Johann, ich bin überzeugt, dass Sie vom Herrn berufen sind, der Congregation in Amerika zu helfen. Dort erwarten Sie ohne Zweifel viele Arbeiten, woraus für Sie, wie ich überzeugt bin, ein großer geistlicher Fortschritt erwachsen wird. Gehen Sie im festen Vertrauen auf den Beistand Gottes und auf die Fürbitte der allerseligsten Jungfrau." Bald darauf reiste er mit P. Ludwig Courtot und den Brüdern Mathias, Viktor und Theodor ab. Am 16. November 1873 langte er glücklich in Riobamba an.

Gleich bei seiner Ankunft in Riobamba vernahm Bruder Johann, dass er vom Pater Visitator für das Haus Cuenca bestimmt sei. Nichts desto weniger musste er bis zum folgenden Mai in Riobamba bleiben. Der hochwürdigste Erzbischof von Quito, Herr Joseph Ignaz Ordonnez hatte nämlich, als er sich in Paris aufhielt, eine sehr wertvolle Orgel für seine Kathedrale gekauft; sie sollte aufgestellt werden. In ganz Quito jedoch fand sich niemand, der diese Arbeit hätte übernehmen können. Dies wusste der Erzbischof und hatte deshalb vom Pater Provinzial die Zusage erlangt, dass Bruder Johann die Arbeit übernehme. So geschah es denn, dass der Bruder am 16. Januar 1874 nach Quito abreiste. Er fand im Collegium der Patres Jesuiten bereitwilligst Unterkunft während seines Aufenthalts in der Residenzstadt. Doch dagegen legte der hochwürdigste Prälat Verwahrung ein. Der Bruder musste in dessen eigenem Palast wohnen und an seiner Tafel speisen. Wenn der Erzbischof nach Vorschrift des Arztes seinen Spaziergang machte, so war der Bruder dessen Begleiter. An dem demüthigen Bruder hatte derselbe ein unaussprechliches Vergnügen. Damals war der berühmte Garcia Moreno Präsident der Republik. Dieser wahrhaft christliche Held hielt es nicht unter seiner Würde, mit Johann Freundschaft anzuknüpfen, und schämte sich nicht, seine Person, seine Familie, und sogar die Staatsgeschäfte oftmals seinem Gebete zu empfehlen. Als er einmal mit seinen Ministern und andern Beamten harten Wortwechsel hatte, eilte er schnell zu unserem Johann, um seine Gemütsruhe wieder zu erlangen. "Bruder Johann," sprach er, "beten Sie doch viel für mich, den unglücklichen Präsidenten der Republik."

Während seines Aufenthaltes in Quito stellte er nicht nur die Orgel auf, sondern tat auch sehr vieles andere, wodurch er sich die Zuneigung der Bewohner gewann. Er wohnte der Mission bei, welche unsere Patres den Einwohnern von Quito während der Fastenzeit abhielten und leistete dabei, so viel er konnte, Hilfe. Ihm wurde die Errichtung des Missionskreuzes übertragen, welches er mit gewohnter Geschicklichkeit anfertigte. Nachdem er seinen Auftrag erfüllt hatte, kehrte er Anfangs Mai endlich nach Riobamba zurück. Garcia Moreno ließ dem Bruder für seine geleisteten Dienste 100 equadorische Thaler auszahlen.

Am 11. Mai 1874 musste er endlich sich nach Cuenca begeben. In diesem Kloster blieb er bis zu seinem Tode, und war stets mit vielfachen Dienstleistungen beschäftigt und arbeitete im Schweiße seines Angesichtes. Hier zeigte er, wie sehr er den heiligsten Erlöser, die allerseligste Jungfrau und die Congregation liebte.

In dem Kloster von Cuenca war es, wo er seine eigene Heiligkeit aufbaute, während er eine Unzahl von Gebäuden errichtete. Bevor wir diese Tätigkeit des Bruders näher beschreiben, müssen wir ein Wunder erzählen, wodurch Gott auf die Fürsprache der Gottesmutter seinen Diener dem Tode entriss.

6. Dem Tode nahe

Am 7. November 1875 hatte P. Joseph Glaudel sein heiligmäßiges Leben durch einen kostbaren Tod beschlossen: er fiel als ein Opfer der "schwarzen Pocken". Kurz darauf wurde auch Bruder Johann, welcher dem Pater aufgewartet hatte, von derselben Krankheit ergriffen und zwar so, dass die Ärzte bereits an seinem Aufkommen verzweifelten. Unterdessen bestürmte man im Kloster den Himmel durch Gebete und Abtödtungen; auch in der Stadt wurde ohne Unterlass gebetet, um das Leben des geliebten Bruders zu erhalten, der bereits daran war zu sterben und selbst sehnlichst seine Auflösung wünschte. P. Superior aber befahl unserm Bruder, er solle von der lieben Mutter von der Immerwährenden Hilfe um die Verlängerung seiner Tage bitten; da sein Leben der Gemeinde unumgänglich notwendig sei. Dem Befehle gehorchend vereinigte er seine Bitten mit denen der Übrigen und machte am 19. des Monats (November) folgendes Gelübde: "O heilige Jungfrau von der Immerwährenden Hilfe; wähle, was für mich am besten ist. Wenn ich später heiliger sterben werde, als jetzt, so erhalte mir das Leben, welches ich ganz für Gott und die Congregation verwenden will. Ich will gegen dich stets dankbar sein und alle Tage meines Lebens drei Ave Maria zur allerheiligsten Dreifaltigkeit beten für die Gnaden, womit Dieselbe dich überhäuft hat." In der darauffolgenden Nacht um zwölf Uhr, als er dalag, fühlte er eine Bewegung in allen Gliedern, wobei die Pocken in seinem Gesicht und an seinen Händen verschwanden. In der zweiten nacht fühlte er um dieselbe Stunde wieder eine solche Bewegung, nach welcher er vollkommen hergestellt war, ohne dass eine Spur von Krankheit zurückgeblieben wäre. Alle dankten der heiligsten Jungfrau, welche für ihren Diener das Leben erbeten hatte, um dasselbe auch fürderhin den Arbeiten zum Nutzen der Religion widmen zu können.

7. Bruder Johann als Baumeister

Große Verdienste erwarb er sich durch seine Wirksamkeit als Baumeister. Dieses ist umso merkwürdiger, da der Bruder außer der Elementarschule keinen weiteren Unterricht genossen, namentlich, keine Baustudien gemacht, noch auch irgend ein Buch über diesen Gegenstand gelesen hatte, und dabei alt und schwach war und mehr zu dem beschaulichen Leben, als zu dem tätigen sich hingezogen fühlte. In seiner Lebensskizze werden eine ganze Reihe von Arbeiten dieser Art aufgezählt. Vorerst waren es die Kirchen und Häuser der Congregation, denen er sein Talent und seinen Fleiß zuwandte. Zu Cuenca baute er die Kirche nach bereits vorliegendem Plane, und vollendete das Innere, sowohl was Dekoration, als Möblierung betrifft. Ebendaselbst baute er auf zwei Landgütern schöne Kapellen. In Riobamba entwarf er den Plan zur Kirche und stellte sie vollkommen her. In Buga baute er Kirche und Kloster; desgleichen in Cauquenes. In Lima baute er die Altäre. Ausserdem arbeitete er viel für Klosterfrauen und verschiedene frommen Anstalten. Hier setzte er eine Orgel auf, dort errichtete er ein Haus für Schwestern, oder ein Collegium, oder ein Schulhaus, oder ein Waisenhaus oder ein Spital; dann wieder eine Kirche, eine Kapelle, oder ein Seminar-Gebäude. Einmal musste er für eine Klostergemeinde von Nonnen einen Brunnen graben. Sogar die Basilika von Cuenca war des Bruders Werk, woran er zehn Jahre arbeitete. Nicht selten wurde er auch in Anspruch genommen, um Häuser, welche durch Erdbeben beschädigt worden waren, wieder herzustellen oder vom Einsturz zu bewahren. Ein gewisser Arzt nannte ihn darum scherzend einen "Häuserdoktor". Auch andere kleinere Aufträge hatte er in Menge zu besorgen. Kurz, wenn irgend jemand in der Stadt einen Baumeister für etwas brauchte, wäre auch nur ein Kamin oder etwas ähnliches vonnöten gewesen, so nahm er seine Zuflucht zum Bruder Johann. Sogar von Staats wegen wurde er oftmals mit öffentlichen Arbeiten betraut, so z.B. zum Brückenbau, zur Anlegung von Kanälen, zur Herstellung von Straßen und Wegen. Dabei waren seine Arbeitskräfte meist rohe und ungebildete Leute, die kaum einen Stein auf den andern legen konnten und überdieß noch unzuverlässig, faul und dem Trunke ergeben waren. Darum galt der Bruder in der Stadt als das Wunder von einem Baumeister, und Hoch und Niedrig ehrte, schätzte und liebte ihn.

Während sich unser Bruder Johann in äußerer Tätigkeit so vorteilhaft auszeichnete, so war sein inneres, geistliches Leben nicht minder staunenswert. Der Verfasser seiner Lebensskizze, der sechs Jahre ihn in der Nähe auf's genaueste beobachtete, sagt einfach: "Ich wage es zu behaupten, dass Johann ein Heiliger war." In seinem ganzen Tun und Lassen, in seinen Reden, in seinen Gesinnungen, in seinem Benehmen konnte man nichts, gar nichts finden, was auch nur den geringsten Tadel verdient hätte. Alle jene Tugenden, welche einen wahren Ordensmann, einen echten Sohn des heiligen Alphonsus kennzeichnen, strahlten aus seinem Leben hervor. Dieses war das Urteil aller, die den Bruder kannten.

Als er noch Novize war, schien er schon ein vollendeter Ordensmann zu sein. Sobald er aber sich durch die heiligen Gelübde Gott und der Congregation geschenkt hatte, lief er wie ein Riese auf dem Wege der Heiligkeit voran. Sein Eifer erkaltete nie, und nicht bloß für die Brüder, sondern selbst für die Patres war er ein Gegenstand der Bewunderung und der Aufmunterung. In der Beobachtung der Gelübde war er überaus streng und gewissenhaft.

Was die Armut anbelangt, so konnte er, wie einer seiner Obern schreibt, "in Wahrheit ein Armer Christi genannt werden; denn er war arm in der Tat, wie in der Gesinnung. Nicht nur verachtete er Reichtum und Besitz, sondern er wollte nicht einmal etwas berühren, was der gänzlichen Losschälung von allem Irdischen entgegen war. Kleider, Schuhe und was er sonst gebrauchte, schonte er in jeder Weise, um es nicht zu schnell abzutragen. Jeden Monat durchsuchte er auf's genaueste seine Zelle, um alles zu entfernen, was im geringsten die Armut hätte verletzen können. Mit heiliger Sparsamkeit sammelte er die unbedeutendsten Dinge, welche andere für ganz nutzlos hielten, um sie zum Nutzen der Gemeinde zu verwenden. So z.B. wollte er, man solle ihm gebrauchte Briefcouverte, alte Zeitungen geben, um sich derselben zum Schreiben und zum Entwerfen seiner Pläne zu bedienen."

Die heilige Keuschheit sah er als das Leben der Engel auf Erden an. Im Fleische lebte er gleichsam ohne Fleisch, indem sein Geist stets auf Gott gerichtet war. In seinem ganzen Wesen spiegelte sich innere Reinheit. Seine Augen waren so sittsam, dass er sie auch von erlaubten Dingen abwendete; seine Worte atmeten nur Reines, seine Hände dienten ihm ausschließlich, um für Gott zu arbeiten. So war an ihm alles auf's strengste geregelt. Von Geschäfts wegen hatte er vielmals mit Frauenspersonen zu verkehren. Bei solchen Angelegenheiten wachte er streng über sein Herz und seine Augen, um ja nicht in eine Schlinge zu geraten: denn, wie der heilige Augustin mahnt, fürchtete er in jedem Weibe die Eva.

Über alles ging ihm der Gehorsam, indem er nur nach Vorschrift der Obern handelte, und sein Wille ganz vom Willen der Vorgesetzten abhing. Mochten dieselben mündlich oder auch nur durch einen Wink ihren Willen zu erkennen geben, so gehorchte er freudig, wenn der Befehl ihm der Natur nach auch noch so unlieb gewesen wäre. "Ich wollte lieber sterben, als nicht zu gehorchen," sagte er und fügte bei: "Wenn wir tun, was der Obere sagt, so tun wir den Willen Gottes: denn was sind die Obern für uns, wenn nicht Götter auf Erden?" Wenn er seine Gewissensrechenschaft machte, so pflegte er zu sagen: "Mein Vater, ich bin in die Congregation eingetreten, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen der Obern: darum übergebe ich mich ganz Ihrem Willen, machen Sie mit mir was Ihnen gefällt." Mitunter kritisierten andere Brüder über die Handlungsweise der Obern und beklagten sich über ihre Befehle. Dann pflegte er sie zurechtzuweisen: "So darf man nicht reden. Wer über die Obern übel redet, ahmet dem Teufel nach. Wir haben nur zu gehorchen: der Gehorsam ist der einzige Weg, der zum Himmel führt." Mit diesen und ähnlichen Worten brachte Bruder Johann als ein echtes Kind des Gehorsams jene zum schweigen, welche übel redeten. Die Obern ehrte er, mochten sie wie immer beschaffen sein. Wie P. Maret berichtet, so liebte er dieselben, wie ein Sohn seinen Vater, und ehrte sie wie Christum den Herrn. Hören wir, was der Obere von Cuenca über unsern Bruder zu sagen hat: "Fast täglich, sagte er, musste er ausgehen, um seine Bauten zu besichtigen. Draußen bot sich ihm tausendmal Gelegenheit, der Strenge des Gehorsams sich zu entledigen oder wenigstens die Erlaubnis des Obern vorauszusetzen. Zum Beispiel, wie oft wurde er von Diesem angegangen, eine schadhafte Mauer auszubessern, von Jenem, einen Ofen oder Kochherd aufzustellen, von einem Andern, einen andern derartigen Dienst zu leisten? Zu Cuenca baute oder unternahm nämlich niemand etwas, ohne Bruder Johann um die nötigen Anweisungen zu bitten. Irgend ein Anderer würde nun ohne Skrupel, die Erlaubnis des Obern voraussetzend, in die Häuser solcher Weltleute gegangen sein. Nicht so aber unser Bruder Johann. Er sprach in aller Einfalt zu dem Bittsteller: "Warten Sie ein wenig, mein Herr, ohne Erlaubnis kann ich es nicht tun; ich werde den Obern um die Erlaubnis bitten, und dann Ihrem Wunsche willfahren," Ich wiederhole es: niemals wagte er eine Erlaubnis vorauszusetzen, oder eine Regel, einen Befehl des Obern auszulegen. Was immer er tat, tat er aus Gehorsam." So sein Rektor. Wenn man einen solchen Gehorsam nicht heroisch nennen soll, so weiß ich nicht wie man ihn heißen soll.

Wie des Bruders Gehorsam erglänzte, ebenso leuchtete an ihm auch eine ungeheuchelte Demuth hervor. Von Christus dem Herrn, den er in allem nachzuahmen sich bemühte, lernte er, sanftmütig und von Herzen demütig zu sein. Obgleich die ganze Stadt seine Arbeiten bewunderte und seine Vorzüge bis in den Himmel erhob, so betrachtete er sich als eine unbedeutende Persönlichkeit, als den letzten und das Auskehricht von allen. Nie zog er sich irgend einem vor oder dünkte sich besser, als jemand andern. Die niedrigsten Dienste des Hauses verrichtete er mit Freude und beanspruchte selbige immer für sich. Einmal begab sich P. Rektor Alphonsus Baumer zum General Anton Franco, einem der ersten Generäle, um denselben seine Aufwartung zu machen. Das Gespräch führte auf Bruder Johann. Bei dieser Gelegenheit ergoss sich der General in das Lob des Bruders, indem er ihn als einen großen Mann und vorzüglichen Baumeister pries. "Noch außerordentlicher aber ist seine Bescheidenheit," fügte er bei, "noch nie habe ich jemanden gefunden, der so viele ausgezeichneten Gaben und zugleich eine solche Bescheidenheit besessen."

Bruder Johann war ein echter Redemtorist. Er liebte in der Tat die Congregation über alles, und wenn es nötig gewesen wäre, hätte er den letzten Blutstropfen zum Wohle und zur Verherrlichung der Congregation hingegeben. Seine Liebe bestand aber nicht in Gefühlen und Worten, sondern es war eine tatkräftige Liebe. Was immer die Congregation anging, Gutes wie Schlimmes, ging ihn persönlich an und erfüllte ihn mit Freude oder mit Trauer. Als ein echter Sohn einer solchen Mutter suchte er sich vor allem in jenen Tugenden auszuzeichnen, welche der Stand der Brüder besonders erheischt. Von seinem Gehorsam war bereits die Rede. Nun noch einiges über seinen Gebetsgeist. Während seines ganzen Lebens zeichnete er sich hierin besonders aus. In seiner Jugend bildete das Gebet den Zügel seiner Leidenschaften, in seinem Mannesalter bewahrte ihn dasselbe, um in den Lebenssorgen nicht geistig zu verkümmern, und in seinem Greisenalter entflammte das Gebet sein Liebesfeuer. Wenn er in oder außer dem Hause die Arbeitsleute überwachte, so betete er entweder im Stillen oder las in einem geistlichen Buche. Zu Hause betete er ohne Unterlaß, und was immer er an Zeit erübrigen konnte, widmete er dem Gebete. In der Frühe war er der Erste, der im Oratorium erschien, am Abend der Letzte, der es verließ. Das Gebet war das Leben seines Lebens. Einmal führte in der Rekreation das Gespräch auf die Erweckung des Lazarus, wobei er folgede Erklärung gab: "Lazarusse sind alle Sünder, alle Ketzer, alle Ungläubigen: Sie sind wahrhaft tot und in Sünden begraben. Um diese Toten zum Leben zu erwecken, muß der Herr kommen. Denn der Herr, und er allein kann Tote zum Leben erwecken. Damit aber der Herr komme, muß er von Martha und ihrer Schwester Maria Magdalena gebeten werden. Denn wenn diese Schwestern den Herrn nicht gebeten hätten, so würde Lazarus nicht lebendig aus dem Grabe erstanden sein. Martha aber stellt das tätige Leben dar, welches die Priester und Prediger führen, Magdalena aber die der Beschauung ergebenen Seelen, welche durch ihre Gebete für die Priester die Gnade erlangen, das Heil der Seelen zu erwirken." Dies hat der Bruder wohl irgendwo gelesen; denn er war dem Lesen geistlicher Bücher sehr ergeben, aber ohne Zweifel war hiermit seine Lebensrichtung gezeichnet. Da er von Seeleneifer erglühte, so ergoß sich seine Seele im Gebete für die Sünder, für die Ungläubigen und Irrgläubigen, für die Lauen und für die Eifrigen, dass die einen sich bekehren, die andern den Glauben erlangen, die andern wieder zum Eifer zurückkehren und die Letzten darin verharren und sich noch mehr heiligen möchten. Jeden Tag flehte er wiederholt sowohl für sich, als für seine Mitbrüder um die große Gnade der Beharrlichkeit, indem er stets an das Wort des Herrn sich erinnerte: "Wer ausharret bis ans Ende, der wird selig werden".

Was die Regeln hauptsächlich bezwecken, ist die eifrige und beständige Nachfolge des allerheiligsten Erlösers. Da unser Bruder von einer brennenden Liebe zum göttlichen Erlöser beseelt war, so lag ihm nichts mehr am Herzen, als sich diesem göttlichen Vorbilde gleichförmig zu machen. Auf diese Gleichförmigkeit zielte sein ganzes Leben hin, und er versäumte nichts, um darin immer vollkommener zu werden. Zu diesem Zwecke ließ er sich von seinem Seelenführer die nötigen Anweisungen zu seinen guten Vorsätzen geben. Um sein Ziel desto sicherer zu erreichen, hatte er den frommen Gebrauch, jeden Tag in der Frühe vor der Betrachtung und nach dem Nachtgebete den Kreuzweg zu verrichten. Gegen das allerheiligste Altarssakrament hegte er eine innige Andacht; tagtäglich unterhielt er sich stundenlang, unbeweglich auf den Knien liegend, in voller Herzensglut, mit strahlendem Antlitze und die Augen auf den Altar gerichtet, mit seinem verborgenen Gotte. Ein sehr frommer Priester machte die Bemerkung: "Wenn ich den Bruder Johann am Altare dienen sah, so kam es mir vor, als sähe ich einen Engel im Fleische, der vor der göttlichen Majestät in unaussprechlicher Liebe glüht." Dies war der Eindruck, den der Bruder auf Auswärtige machte. Sein Beichtvater, P. August Bruchez schreibt: "Unser Johann soll unter jene Heiligen gezählt werden, deren Leben während dieser Verbannung in der Verehrung des hochheiligen Sakramentes bestand; denn er war darin in der Weise eifrig, dass er ohne dasselbe nicht leben zu können glaubte. Wie viele und wie große außerordentliche Gaben er aus dieser göttlichen Gnadenquelle geschöpft habe, ist nur jenem bekannt, der diese hehre Andacht in das Herz seines Dieners einzugießen sich würdigte."

Niemand wird ferner in Abrede stellen, dass dieser Bruder zu jenen gehöre, welche die Gottesmutter besonders verherrlichten. Diese Mutter der schönen Liebe liebte er mit dem Feuer einer liebenden Seele; ihre Güte und Macht feierte er durch das Lob seiner Zunge und durch das Zeugnis seiner Werke. Außer jenen Huldigungen gegen Maria, welche in der Congregation im allgemeinen in Übung sind, bemühte er sich noch vielmehr zu leisten. Dies alles aufzuzählen, würde zu weit führen. Von der Wiege bis zum Grabe galt ihm die Gottesmutter alles, mit ihr betete er, mit ihr arbeitete er, mit ihr litt er, mit ihr gab er seinen Geist auf. Selig ist unser Johann zu preisen, indem er, wie der Jünger, den Jesus liebte, Maria in seine Wohnung aufnahm. Denn die gütige Jungfrau war für ihren treuen Liebhaber Licht in der Finsternis, Stärke in Schwierigkeiten, Trost in der Widerwärtigkeit, Beistand in der Erwerbung der Tugend, Helferin zur Beharrlichkeit, Retterin in der Stunde des Todes, Geleiterin zum Paradiese.

9. Bruder Johann's heiliger Tod

"Wer gut gelebt hat, kann nicht schlecht sterben," sagt der hl. Augustin. Dieses bewahrheitete sich auch bei unserm Bruder Johann. Als Heiliger hat er gelebt und wie ein Heiliger ist er gestorben. Er war reich an Jahren, aber noch reicher an Verdiensten. In Folge des Alters wurde er von mancherlei körperlichen Leiden und Gebrechlichkeiten heimgesucht. Doch wenn auch die Kräfte seines Körpers schwanden, so blieb sein Geist stets frisch. Vier Jahre vor seinem Tode bildeten sich an beiden Beinen Krampfadern, welche ihm unsägliche Schmerzen verursachten. Diese ertrug er aber mit der größten Geduld, möchten sie auch noch so heftig werden. Nie kam ein Wörtchen von einer Klage aus seinem Munde, noch ward seine äußere, fast himmlische Heiterkeit durch das geringste Zeichen von Mißbehagen getrübt. Gegen Ende des Jahres 1898 wurde dieses Leiden durch ärztliche Behandlung einigermaßen beseitigt und man machte sich Hoffnung, dass dem guten Bruder noch eine geraume Lebenszeit gegönnt sei. Doch man täuschte sich. Es stellte sich nämlich ein anderes, noch peinlicheres Leiden ein, welches darin bestand, dass der Magen dem Bruder seine Dienste zu versagen anfing. Die Speisen, welche er zu sich nahm, musste er stets wieder erbrechen. Einige vornehme Damen, welche dem Kloster befreundet waren, glaubten, durch ausgesuchtere, leicht zu verdauliche Speisen dem guten Bruder helfen zu können. Doch alles war umsonst. Ein ganzes Jahr lang konnte nur durch etwas Milch, Wein und Cognac sein Leben erhalten werden.

Verwunderungswert war hierbei seine Willenskraft. Trotzdem er nun alt und entkräftet, an den Beinen wund und durch Mangel an Nahrung ganz abgezehrt war, so ließ er doch nicht von der Arbeit ab. Noch immer stand er morgens zur regelmäßigen Stunde auf und versah seine Dienste, so gut er immer konnte. Er hinkte durch die Stadt, und arbeitete mit einer Behändigkeit, wie ein junger Mann von 30 Jahren. "Bruder Johann", mahnte ihn P. Rektor öfters, "ruhen Sie ein wenig; arbeiten Sie nicht so viel, Sie sind ja alt, schwach und abgezehrt. Sie müssen ruhen, sonst geht es Ihnen schlecht." Auf diese Vorstellungen seines Vorgesetzten erwidertete der Bruder: "Hochwürden, ich bin noch nicht so schwach, dass ich zum Besten der Congregation nicht mehr arbeiten könnte. In diesem Leben muß ich arbeiten, im andern werde ich genug Zeit haben, auszuruhen."

Die Krankheit machte aber mittlerweise weitere Fortschritte, so zwar, dass weder die Geschicklichkeit der Ärzte noch zwar die Liebe der Mitbrüder dem Übel zu steuern vermochten. Zu Beginn des Jahres 1899, als der Berichterstatter dem guten Bruder zum neuen Jahre beglückwünschte, entgegnete derselbe: "Danke, Danke schön! Doch beten sie nicht, dass ich länger leben, sondern dass ich heilig sterben möge." Am 7. Januar legte er bei seinem Gewissensführer noch einmal eine Lebensbeichte ab. Er tat dieses mit einer solchen Demut und Zerknirschung, dass der Beichtvater in Wahrheit glaubte, die Beichte eines Heiligen aufzunehmen.

Die Verschlimmerung seines Zustandes zwang den Bruder endlich am 8. Januar sich zu Bette zu begeben. Aber welches Schauspiel war dieses! Da lag der fromme Bruder auf seinem Schmerzenslager, sein Körper war ganz erschöpft, seine Seele aber frisch in Betrachtung himmlischer Dinge versenkt, die Auflösung erwartend und nach dem Paradiese schmachtend. Gleich dem Apostel sehnte er sich, aufgelöst und mit Christo zu sein. Am 11. Januar empfing er die Heilige Ölung. Vor der heiligen Handlung redete ihn der Pater Rektor folgender Weise an: "Geliebter Bruder Johann, gestatten Sie mir, drei Worte an Sie zu richten. Das erste ist ein Glückwunsch. Sie haben den Hafen des Heils bereits erreicht, bald werden sie von der Erde zum Himmel reisen. Welches Glück. Die große Gnade der Beharrlichkeit haben sie in den Händen. Wegen ihres Berufes sind sie in Sicherheit, und in Kurzem werden sie den Kampfpreis empfangen, welchen der Herr denen versprochen hat, welche ausharren. Darum wünsche ich Ihnen im Namen aller herzlich Glück. Das zweite ist ein Wort des Dankes. Im Namen dieser Kommunität und der ganzen Congregation sage ich Ihnen Dank für alles, was Sie während dieser fünfzig Jahre getan haben. Möge unser Herr Jesus Christus und die allerseligste Jungfrau, deren treuer Sohn sie immer waren, ihnen es vergelten und das ewige Leben verleihen. Ich danke Ihnen auch für den frommen Wandel, den Sie unter uns geführt. Durch Wort und Tat haben Sie stets gezeigt, wie ein guter Sohn der Congregation leben müsse. Möge der hl. Vater Alphonsus, den Sie so vollkommen nachzuahmen versuchten, es ihnen ewig lohnen! Das dritte Wort ist eine Bitte. Sie sind im Begriffe, in den Himmel einzugehen. Dort seien Sie unser eingedenk am Throne Gottes, vor der Gottesmutter, bei unserem hl. Vater Alphonsus: O mein geliebter Bruder, gedenken Sie Ihrer Mitbrüder von Cuenca. Sie wissen wohl, wie viele und wie große Gefahren uns bevorstehen. Seien Sie unser Sachwalter, lassen Sie nicht ab, für uns zu beten. Beten Sie auch für die Mitbrüder von Riobamba, für unsere französische Provinz, für die ganze Congregation, für unsere Republik, die von solchen Drangsalen heimgesucht ist. Vergessen Sie auch unsere Wohltäter und Freunde nicht. Beten Sie für alle, damit wir alle heilig leben, heilig sterben und die ewige Glückseligkeit erlangen mögen." Aus tiefste gerührt antwortete der Bruder in tiefer Demut: "Ich, ich bin der elendeste Sünder, ich habe nichts Gutes getan, im Gegenteil, sehr viele Sünden habe ich begangen. Ich bitte alle um Verzeihung für meine Ärgernisse ..." Da er mehr reden wollte, befahl ihm der Rektor zu schweigen. Nach der Spendung der Heiligen Ölung hatten alle, die gegenwärtig waren nur eine Stimme: "Unser Bruder Johann ist ein Heiliger: Bald wird er im Himmel den Lohn der Heiligen empfangen." Am 12. kam der Architekt Christoph Thill, ein Lothringer, um den Bruder zu besuchen und Abschied von ihm zu nehmen. Da dieser brave Mann, seinen Freund, den Bruder Johann von himmlischer Heiterkeit umflossen auf dem Sterbebette liegen sah, konnte er sich der Tränen nicht enthalten und rief aus: "Dieser Bruder ist ein Heiliger, er war ein allgemeiner Wohltäter, noch nie habe ich einen rechtschaffeneren Mann getroffen, als Bruder Johann." Am 14. besuchten ihn sogar der hochwürdigste Bischof Michael Leon und dessen Bruder, der Canonicus Doktor Justus Leon. Da sprach der P. Rektor zu dem Prälaten: "Hochwürdigster Herr, mögen Erw. Gnaden dem Bruder Johann befehlen, nicht zu sterben." "Befehlen kann ich nicht," sagte der Bischof, "aber ich will den Herrn bitten, den lieben Johann stets zu segnen. Was wünschen Sie, mein Bruder?" Der Bruder antwortete: "Hochwürdigster Herr, ich will nichts anderes, als was Gott will. Möge sein heiligster Wille mit mir geschehen: Diesen hat unser Herr Jesus Christus immer vollbracht, ihm müssen wir im Leben wie im Tode nachahmen." Darauf entgegnete der Bischof: "Mein Bruder Johann, ich segne Sie nun im Herrn, damit Ihre Krankheit Ihnen zum Heile gereiche: morgen will ich die hl. Messe für Sie lesen: vergessen Sie meiner nicht im Himmel, beten Sie, damit auch ich heilig werden möge." Später kam des Bischofs Bruder, der Canonicus Justus, ein heiligmäßiger Mann. Auf der Türschwelle bei der Zelle des Bruders stehend bemerkte er, wie das Antlitz des Sterbenden ganz verändert war. Die heitere Miene war verschwunden, er schien viel mehr traurig und geängstigt, gleichsam als erblicke er in seiner Nähe ein abscheuliches Ungeheuer. Der Priester näherte sich ihm und fragte: "Was haben Sie?" Er antwortete: "Versuchungen ... Teufel ... Keuschheit ..." Der Priester verstand was er sagen wollte. Der Teufel war nämlich gekommen, mit großem Zorne, um den keuschen Bruder anzugreifen, da er wußte, dass er wenig Zeit mehr habe. Der Priester besprengte den Kranken mit Weihwasser und betete. Hierauf kehrte die frühere Heiterkeit zurück. Der Canonicus dankte dem Sterbenden und wünschte ihm Glück, dass für ihn die Stunde gekommen sei, zum Vater zurückzukehren, der im Himmel ist. "Lieber Johann," sagte er, "siehe, der Himmel steht Ihnen offen. Vor dem Herr, vor der jungfräulichen Himmelskönigin gedenken Sie meiner, gedenken Sie des Herrn Bischofs, gedenken Sie der heiligen Kirche, gedenken Sie aller Menschen. Seien Sie unser Patron und Anwalt bei Gott dem Allmächtigen". Diesen Bitten nickte Johann freundlich Beifall.

Als der Bruder allein war, ließ er nicht ab zu beten; machte fort und fort Akte der Liebe, küßte mit größter Andacht die Bildnisse des Herrn, der lieben Mutter von der immerwährenden Hilfe, des hl. Joseph, des hl. Alphonsus und des seligen Gerard. Außer er wurde gefragt, sprach er nichts, sondern empfahl Gott alle Klassen der Christgäubigen, den hl. Vater, die Bischöfe und Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen, Gläubige, Sünder, alle Klassen von Menschen. Für ihr Heil opferte er sein Leben. In den Akten der hl. Martyrer liest man, als der hl. Bischof Fructuosus schon die Qualen litt, habe ihn jemand gebeten, er möge seiner gedenken, da habe der Heilige geantwortet: "Ich muß jetzt an die ganze Katholische Kirche denken, vom Aufgange der Sonne bis zum Niedergange." Dasselbe läßt sich auf Bruder Johann anwenden. Dem Tode, wie im Leben, war er stets für das Heil der Seelen besorgt und suchte das Wohl der Kirche und das Gedeihen der Congregation zu befördern. Im Tode, wie im Leben, war er ein Apostel durch sein Gebet.

Am 19., dem Jahrestage seiner Gelübde-Ablegung, erneuerte er vor dem P. Rektor, so feierlich er nur konnte, seine Tauf- und Ordensgelübde; und wiederholte diesen Akt oftmals noch während des Tages. Am Abend zur Zeit des Nachtessens kam der Berichterstatter zu ihm, und nahm Abschied mit den Worten: "Bruder Johann, jetzt gehe ich, aber morgen werde ich wiederkommen." Darauf entgegnete der Bruder: "Morgen gehe ich auch." "Wohin gehen Sie?" "Ich gehe in den Himmel." Dieses waren die letzten Worte, die besagter Pater aus dem Munde des Sterbenden vernahm. Tags darauf, am 20. Januar, ungefähr um 3 Uhr in der Frühe entschlief er sanft im Herrn unter dem Beistande des P. Rektor und des Bruder Hilarius. Ohne Todeskampf schied er hin, und sein Sterben war ein sanftes Einschlummern; denn die Umstehenden bemerkten nur am Aufhören des Atmens, dass der geliebte Bruder in's himmlische Vaterland hinübergegangen war. So hatte der Bruder Johann in einem Alter von etwa 70 Jahren beinahe 50 Jahre im Schoße der Congregation und 45 Jahre nach der Profess gelebt.

Sobald der Bruder gestorben war, weckte P. Rektor oben erwähnten Pater sogleich mit den Worten: "Bruder Johann ist tot." Als er dies hörte, erfasste ihn eine unbeschreibliche Freude. Alle welche die sterbliche Hülle umstanden, sahen wie sich das durch so viele Fasten, Nachtwachen und Bußwerke bleiche und abgezehrte Antlitz unsers Johann in ungewöhnlicher Anmut verjüngte so sehr, dass man glauben sollte, er lebe. Um 9 Uhr wurde die Leiche in der Kirche vor dem Altare des hl. Alphonsus aufgebahrt. Bald darauf erschienen der Bischof, der apostolische Administrator, die Kanoniker und eine unabsehbare Volksmenge. Die ganze Stadt geriet in Bewegung, und eilte zu den hl. Überresten: es war unter allen nur eine Stimme: "Er ist ein Heiliger; Bruder Johann ist zum Himmel eingegaben. Was für einen Mann haben wir verloren. Welch guten Patron haben wir im Himmel gewonnen!" Niemand, weder Männer noch Frauen, noch Kinder verspürten irgendetwas von dem Schauder, den sonst Leichen einzuflößen pflegen. Ein zehnjähriges Mädchen, welches man fragte, ob es sich nicht fürchte, antwortete: "Warum soll ich mich fürchten? Die Leiche ist ja der Körper eines Heiligen." Nicht wenige Frauen machten sich daran, mit Scherchen, Stückchen vom Habit und Haare abzuschneiden. Aufgestellte Wachen, mussten verhindern, dass der Leichnam selbst nicht zerstückelt werde. Der Zudrang des Volkes zur Kirche dauerte bis spät in die Nacht.

Am folgenden Tage, den 21sten fand der feierliche Trauergottesdienst statt. Dabei war ein ungeheurer Volkszudrang, guter Gesang, und entsprechender Kirchenschmuck. Die Kanoniker hielten den Gottesdienst mit einer Feierlichkeit, wie er kaum für die Bischöfe statt hat. Nach Beendigung der feierlichen Erequien wurde die Leiche in das schöne Monument gelegt, welches Bruder Johann selbst für die Verstorbenen der Congregation mit besonderer Zierlichkeit errichtet hatte.

Der Berichterstatter fügt folgendes bei: Das Andenken der Menschen vergeht mit dem Schalle: das Andenken der Heiligen bleibt ewig. Dieses Letztere war bei dem verstorbenen Bruder der Fall.

Er lebt im Andenken der Gläubigen fort; denn allgemein gilt er als ein Heiliger; man verlangt Reliquien; man empfiehlt sich seiner Fürbitte; mehrere Personen haben ihn zu ihrem Patron im Himmel erwählt und haben durch den seligen Bruder außerordentliche Gnaden und wirkliche Wunder erlangt. Möge das Beispiel dieses demütigen Bruders auch andere zur Nachahmung ermuntern.