Gemeinschaft zur Förderung des missionarischen Werkes von Bruder Johannes Baptista Stiehle CSsR. e.V.   © 2006ff

Biografie 1899

Aus dem Lateinischen übertragen von Stud. Ludwig Münch, Altsteußlingen in den Osterferien 1899:

Dem Herrn Chrisostomus Stiehle in Dächingen
Augustinus Georgius Kaiser, C.S.s.R. erbittet wahres Heil von dem, ohne den es überhaupt kein Heil gibt.


1. Einführung

Fürwahr würdig und recht ist es, billig und heilsam, über unsern geliebten Bruder Johannes wenigstens einiges wenige an Dich, lieber Mann, zu schreiben, damit alle seine Angehörigen und verwandten mit uns sagen Dank dem Herrn, unserem Gott, der diesen seinen tüchtigen und getreuen Diener aus der Finsternis zum ewigen Lichte, aus dem Kerker dieser Welt zu den höheren Räumen, aus dem Land der Trübsal und des Elends in die ewige Wohnung, aus dem bitteren Thränental zu dem glückseligen Aufenthalt der Engel zu rufen sich gewürdigt hat. Denn am 20.Januar, morgens 3 Uhr, entschlief in unserem Kloster zu Cuenca Dein und und unser geliebter Bruder, Dein Bruder durch die Gemeinschaft des Blutes, unser Bruder durch geistige Geburt und einmütige Liebe, sanft im Herrn; wahrlich er ist dem Fleisch nach gestorben und hat das Leben gefunden, weil er den Urheber des Lebens allein geliebt hat, wie unsere Mutter, die Kirche, von der seligen Jungfrau Agnes erzählt. Bevor ich aber über den Tod Deines Bruders Johann, der vor dem Herrn kostbar ist, berichte, will ich seine großen Werke, seine herrlichen Thaten, seine hervorragenden Tugenden kurz darstellen; dies wird Dir und den Deinigen jedenfalls nicht unlieb sein.

2. Im Baufach

Nach dem allgemeinen Urteil war unser Johannes ein erfahrener Baumeister: in den Gegenden am Aequator hat es keinen gegeben, der im Baufach mehr geleistet hätte als er. Er selbst hat unsere Kirche zu Cuenca, die unserer Frau von der immerwährenden Hilfe geweiht ist, erbaut; diese ist weit schöner als alle Gotteshäuser dieser Stadt. Er selbst hat die Altäre, Portale, Beichtstühle und die Kanzel zierlich geschnitzt und sie in liebliche Farben gekleidet. Er selbst hat die Säulen und Wände unseres Gotteshauses mit frommen Inschriften und Reliefplatten, die zu frommer Andacht einladen, geschmückt. Er selbst hat den Plan unseres Klosters zu Cuenca entworfen und den Bau von oben bis unten geleitet. Er selbst hat in unserem Parke unseren im Herrn ruhenden Brüdern ein wunderbar schönes Grabdenkmal gesetzt. Mit einem Wort, alles Gute, was man in unserem Haus findet, verdankt seinen Ursprung dem Bruder Johannes.

Für unsere im Staate Buga in Columbia lebenden Väter hat Johannes zum Kloster und zur Kirche einen mit Fleiß ausgearbeiteten Grundriß gezeichnet, ein bewunderungswürdiges Denkmal. Unsere Väter zu Cauquena in Chile baten unseren Johannes, er möge ihnen das gleiche Kloster und das gleiche Gotteshaus nachbilden; dieser Bitte ist er, obwohl schwach und halbblind, mit der größten Bereitwilligkeit nachgekommen. Ebenso besaßen unsere Väter, die sich in Lima niedergelassen haben, eine ziemlich schöne Kirche; nur fehlten die Altäre. Wer aber hätte davon ein besseres Bild entwerfen können als Johannes von Cuenca? Daher verlangten sie von ihm eine Zeichnung von den Altären und arbeiteten sie alsbald aus. Durch eine solche Güte zeichnete er sich also aus, daß er überhaupt nichts abschlagen konnte, besonders aber seinen Oedensbrüdern.

Nun wollen wir von den Männerklöstern zu den beiden Frauenklöstern unserer lieben Frau vom Berge Carmel in der Stadt Cuenca übergehen. In der alten Kirche vom Berge Carmel hat unser Johannes eine für die Augen schöne und für die Ohren liebliche Orgel aufgestellt und sie zur Verherrlichung Gottes und seiner Heiligen in geschickter Weise eingerichtet. Im neuen Karmelitenkloster aber nennen alle Gebäulichkeiten der Bruder Johannes ihren Erbauer.

Das solid gebaute Kloster hat er den klösterlichen Lebensregeln angepaßt, daß die Gott geheiligten Jungfrauen ihrem himmlischen Bräutigam unvollkommenem Gehorsam dienen können. Was soll ich aber über die gemeinsame Hauskapelle der letzteren sagen? Überaus zierlich ist das Kapellchen, bei dessen Ausschmückung Johannes sogar die Göttin der Weisheit übertraf; denn nichts konnte man feiner ausdenken.

Die Form des kleinen Gotteshauses, die lieblichen Farben, die Anmut des Altars, die angenehme Mannigfaltigkeit der Zieraten, die Einfachheit des ganzen Baues haben dem ebenso erfahrenen wie bescheidenen Künstler die denkbare Liebe der Jungfrauen und die aufrichtige Bewunderung der Besucher erworben. Verfolgen wir es näher. Für die Jungfrauen der unbefleckten Empfängnis, die sich in großer Not an Trinkwasser befanden, hat er den sehr tiefen Brunnen gereinigt und daran einen so guten Zieheimer befestigt, daß man jetzt weit über das Bedürfnis hinaus Wasser hat. Und vollends der gothische Tempel, den die Nonnen der heiligsten Herzen Jesu und Mariä, die man gewöhnlich die von Picpus nennt, im Gebrauch haben, wird allgemein bewundert und gepriesen. Denen aber, die nach dem Erbauer des herrlichen Gotteshauses fragen, pflegen die frommen Jungfrauen zu antworten: "Das ist Bruder Johannes, denn wer hätte außer ihm ein so schönes, so freundliches, so ehrwürdiges Gotteshaus erbauen können?

Das Diözesanseminar, das Kollegium der christlichen Schulbrüder, die Mädchenanstalt, das Waisen- und Krankenhaus, die Genossenschaft der Nonnen vom guten Hirten, der Orden der Nonnen des göttlichen Herrn in Gualaceum und der Mütter von der Providenz in Azogues, alles das sind Werke unseres Johannes.

Um mich kurz zu fassen, übergehe ich viele und schöne Gebetshäuser, die er an verschiedenen Orten unserer Gegend errichtet, sehr feste Brücken, die er über verschiedene Flüsse geschlagen, unzählige Gebäulichkeiten, die er entweder frisch aufgebaut oder, wenn sie infolge von Erdbeben oder Alter baufällig geworden waren, ausgebessert hat; deshalb bekam er den hübschen Namen der "Häuserdoktor" - "el medico de las casas" -. Ein heiliges Cönakulum verdient noch besondere Erwähnung, da so unter den vortrefflichen Werken des ausgezeichneten Baumeisters besonders hervorragt. Dieser Tempel, der die Stadt Cuenca auf eine wunderbare Art ziert, ist für die nächtliche Anbetung den allerheiligsten Sakramentes bestimmt. Deshalb hat der geniale Bruder jenen Plan entworfen, daß es die Form eines Ostensoriums zu haben scheint.

Was soll ich über die Cathedrale in Cuenca sagen, bei deren Erbauung er bereits 10 Jahre unter Schweiß gearbeitet hat? Ein kostbarer Tempel, der die übrigen Basiliken in Südamerika durch seine Größe in Schatten stellt wie die Sonne die Gestirne! Der Tempel steht den berühmteren Kirchen der alten Welt durchaus nicht zurück. Man kann ihn nicht beschreiben, sondern nur anstaunen. Wenn ich nämlich die Schönheit dieses Tempels, die vollkommene Harmonie aller Teile, die Tiefe des Fundaments, die Stärke der Säulen, die allen Erdbeben unzugänglich sind, den ausgedehnten Umfang des Baues, die Höhe und Schlankheit der Türme schildern wollte, so würde meine Wenigkeit besiegt von der Majestät eines so gewaltigen Denkmals unterliegen.

Das sind in wenigen Worten die Werke unseres Johannes. Es ist wahrlich wunderbar, daß der demütige Bruder so viele und so große Denkmale erbaut hat, er, der in Europa nur die Anfangsgründe in den Schulkenntnissen gelernt, der keinen Architekten als Lehrer gehabt, der keine Abhandlung über die Architektur gelesen, der alle Erfahrung durch eigenes Nachdenken sich angeeignet hatte. Noch wunderbarer ist, daß ein Greis, wie Johannes war, mit gebrochenen Kräften, von häufigen Krankheiten geplagt, an soviele und gewaltige Werke Hand anlegen konnte. Am wunderbarsten endlich ist, daß er solch Staunenswertes geleistet hat in der Gegend vom Aequator und zwar mit Hilfe von Arbeitern eben dieser Gegend. Denn in diesem Land ist die Architektik noch nicht aus der Wiege gekommen und die Kunst zu mauern liegt noch ganz im Argen. Von den Arbeitern aber, die Johannes um sich hatte, kamen die einen betrunken an die Arbeit, die anderen waren so stumpfsinnig, daß sie weder eine Bleiwage handhaben noch einen Stein auf den andern setzen konnten. Als dies die Bürger von Cuenca erfuhren, da war es nicht nur das gewöhnliche Volk, sondern auch die höher gestellten: die Rechtelehrer, Ärzte, Offiziere, Beamten und Geistlichen, sogar der Bischof, die voll Bewunderung ausriefen: "Wer thut es dem Bruder Johannes in der Baukunst gleich? Wo gibt es einen, den man mit ihm vergleichen könnte?" So sehr bewunderten sie ihn und brachten ihm die zärtlichste Liebe entgegen. Unser Johannes hat soviel Freunde und Herolde seiner Verdienste besessen, als die Stadt Cuenca Einwohner zählt.

3. Als Heiliger

Daß der ausgezeichnete Baumeister auch ein Heiliger gewesen ist, daß er ein großer Heiliger und sogar der Ehre der Kanonisation würdig ist, behaupte ich kühn, weil ich die Wahrheit sage. Ungefähr 6 Jahre habe ich mit ihm zusammen gelebt; wir hatten ein gemeinsames Dach, einen gemeinsamen Tisch, eine gemeinsame Lebensweise. Daher habe ich alle seine Handlungen, seine Schritte, die Worte seines Mundes und die Wünsche seines Herzens sorgfältig beobachten können: als Zeuge rufe Ich Gott an, dem ich mit meinem ganzen Herzen nach dem Evangelium seines Sohnes diene, um die Worte des hl. Paulus zu gebrauchen: Ich habe nichts Fehlerhaftes am Bruder Johannes bemerkt, ich habe nichts Tadelnswertes an ihm gefunden. Im Gegenteil sah ich ihn mit den Tugenden ausgestattet, die einem wahren Mönch, einem echten Sohne des heiligen Alphonsus, einem vollkommenen Nachfolger des allerheiligsten Erlösers zukommen. Ich will Weniges über die vielen Tugenden des Bruders Johannes sagen, da die Kürze des Briefes eine ausführlichere Behandlung nicht zuläßt.

Als der geliebte Johannes noch ein Novize war, schien es, als habe er schon den Gipfel in der religiösen Vollkommenheit erreicht. Sobald er sich aber durch seine Profeßablegung Gott und der Kongregation ganz hingegeben hatte, beschritt er unter dem Beistand der göttlichen Gnade frohlockend den Weg der Heiligkeit. Von nun an machte er bis zu seinem Tod immer größere Fortschritte, daß er nicht allein von seinen Fratres, sondern sogar von seinen Patres bewundert wurde und ihnen als Vorbild diente. In der Beobachtung seiner Gelübde war er jederzeit sehr gewissenhaft. Die Armut Jesu Christi nachahmend, lebte er arm in That und Wahrheit. Die vergänglichen Schätze dieser Welt, deren Erwerbung ermüdet, deren Besitz beunruhigt, deren Verlust peinigt, verabscheute er beständig wie Kot. Auch nicht das Geringste, wodurch fromme Herzen nicht selten bestrickt werden, nämlich Blumenstöcke, Bildsäulen, kleine Statuen und anderes Derartiges, wollte er besitzen, damit er selbst arm desto ungehinderter dem Herrn in seiner Armut nachfolgen könnte. In den einzelnen Monaten durchmusterte er seine Zelle mit Luchsaugen, um alles, was die evangelische Armut verletzen könnte, sofort daraus zu entfernen. Von der Sparsamkeit der Heiligen erfüllt, sammelte er ganz unbedeutende Dinge, welche den Übrigen wertlos erschienen, selbst auf und suchte sie brauchbar zu machen. So erbat er sich, um ein Beispiel anzuführen, die gelesenen Briefe und Papiere, um darauf zu schreiben und seine Pläne zu entwerfen.

Die Keuschheit pflegte er so sehr, daß es hieß, er führe schon auf dieser Welt ein himmlisches Leben. Es schien, als sei er nicht ein Sohn Adams und nicht ein in Sünden empfangener Mensch, sondern ein Engel: denn im Fleisch lebte er ohne Fleisch, seinen Sinn richtete er auf das Göttliche. Durch alle Sinne seines Körpers atmete er die Keuschheit: er war züchtig mit den Augen, die er selbst von erlaubten Dingen, fortwährend abhielt, züchtig mit dem Munde, von dem nur keusche Worte hervorkamen, züchtig mit den Händen, die er ausschließlich zur Vermehrung der Ehre Gottes und zum Seelenheil anderer anwandte, züchtig mit den Füßen, die er vorsichtig selbst vor der unbedeutendsten Gefahr zurückhielt, züchtig mit seiner ganzen Persönlichkeit, die nur nach dem Himmlischen strebte. Diese jungfräuliche Keuschheit befestigte er noch durch beständiges Gebet und seinen Duldersinn wie eine Lilie unter den Dornen. Mit dem Gehorsam nahm er es so streng, daß er nur nach der Vorschrift seiner Oberen handelte. Sein Wille hing ganz vom Willen der Prälaten ab, denen er nicht bloß auf's Wort, sondern sogar auf den Wink gehorchte, obwohl ihm gar oft das Gegenteil anbefohlen wurde. "Ich will lieber sterben," sagte er, "als nicht geborchen." Über den heroischen Gehorsam des ehrwürdigen Bruders Johannes legte der ehrwürdige Pater Alphons Baumer, der erfahrene Rektor unserer Genossenschaft, ein herrliches Zeugnis ab: "Beinahe jeden Tag," sagte er, "ging Bruder Johannes hinaus, um die vielen Häuser, deren Bau er leitete, zu besehen. Draußen aber war ihm tausendmal Gelegenheit geboten, es mit dem Gehorsam nicht so streng zu nehmen oder wenigstem die größere Freiheit eines Superiors zu unterschieben; z.B. wie oft wurde er von Laien angesprochen, ihre Häuser zu besuchen? Von dem einen, daß er die Mauern, die am Einstürzen waren, befestige, von dem anderen, daß er ihm einen Backofen oder eine Küche baue, wieder von einem anderen, daß er ihm seinen ruinösen Dachstuhl ausbessere, und noch von einem anderen, daß er ihm ähnliche solche Dienste leiste. Niemals jedoch hat unser Johannes das Haus eines Laien besucht, ohne meine ausdrückliche Erlaubnis eingeholt zu haben; niemals hat er in solchen Fällen meine Zustimmung ohne weiteres vorauszusetzen sich erlaubt. Die Gebote der Oberen sowie die Vorschrift der Regel, auch ganz unbedeutende wagte er niemals anders auszulegen. Alles was er that, hat er aus Gehorsam gethan". Ebenso glänzte "er durch die größte Demut. Von Christo, dem Herrn, den er mit unermüdetem Eifer in allen seinen Handlungen nachzuahmen bemüht war, hat er gelernt, sanften und derartigen Herzens zu sein. Obwohl die ganze Stadt seine großen Werke bewunderte und seine vortrefflichen Eigenschaften bis zum Himmel erhob, nannte er sich gleichwohl einen nichtigen Menschen, voll von Fehlern und einen Auswurf aller. Keinem zog er sich vor, niemand gegenüber hielt er sich für hervorragender. Diese Geringschätzung seiner selbst zeigte er ebenso sehr durch Thaten als durch Worte. Denn er verrichtete immer freudig die niedrigsten Dienste im Haus. Wie wenn sie ihm nach einem besonderen Rechte gebührten. Aus dieser natürlichen Herzensdemut entfaltete sich die christliche Nächstenliebe, mit der Johannes alle, mit denen er umging, umfaßte. Gegen alle bewies er sich freundlich, liebevoll wohlthätig; gegen sich selbst war er nur hart und streng. Auch durch die Gabe des Gebets ragte er während seines ganzen Lebens hervor: man sah ihn immer als den ersten in den Chor hineingehen und als den letzten herauskommen, ohne Unterlaß gemäß dem Gebote des Herrn, stieß sein Herz fromme Gebete aus. Jede Minute, die er von den notwendigen Geschäften und seinen kleinen Ruhepausen erübrigen konnte, verwandte er auf das Gebet. Mit dem Gebet fing er alle seine Geschäfte an, setzte sie fort und führte sie zu Ende und ließ sich niemals vom Gebetsgeist abbringen. Vom Seeleneifer entflammt, goß er für alle seine Seele im Gebete aus: er betete für die Sünder, daß sie ungesäumt auf den Weg der Gerechtigkeit zurückkehren, für die Ungläubigen, daß sie die Wahrheit erkennen, für die Lauen, daß sie warm werden, für die Guten, daß sie in guten Werken verharren, für die Heiligen, daß nie noch heiliger werden. "Unseren Brüdern ist es nicht erlaubt, zu predigen," sagte er, aber dennoch können wir Seelen retten durch unser Gebet: Laßt uns also beten, ja immer beten, dann werden wir mehr Seelen gewinnen als die Prediger." Von was für einer Liebe zu Gott unser Johannes entbrannte, wer kann es schildern? Von der göttlichen Liebe war er so erfüllt, daß er nur an Gott denken und von Gott reden konnte. Von einziger und ganz außerordentlicher Liebe und Andacht gegen das Allerheiligste Sakrament des Altars war er so hingerissen, daß er sein Gebet vor dem Allerheiligsten täglich auf mehrere Stunden ausdehnte immer kniend, bewegungslos, inbrünstig, das strahlende Gesicht und die Augen auf den in den sakramentalen Gestalten verborgenen Gott gerichtet. Dort war sein ganzes Herz, dort hatte er das Paradies seiner Wünsche gefunden; die süßeste Jungfrau Maria, deren Schutz er sich schon in frühester Jugend geweiht hatte, verehrte er wie seine Mutter durch tägliche Begrüßungen und nahte ihr mit kindlichem Vertrauen. Die Jungfrau und Gottesgebärerin aber, die mit ihren Verehrern noch gnädiger, mit denen, die sie lieben, liebenswürdiger ist, überhäufte ihren getreuen Diener mit zahllosen Wohltaten und rettete ihm durch ein staunenswertes Wunder sogar das Leben, denn am 7.November 1875 starb in unserem Haus zu Cuenca der ehrwürdige Pater Joséph Glaudel von einer tötlichen Krankheit, die die Spanier "die schwarzen Blattern" nennen, hinweggerafft. Bald darauf fing unser Johannes, der den schwachen kranken Pater bedient hatte, an derselben Krankheit zu leiden an, so daß die Ärzte schon sein Leben aufgaben. An seinem ganzen Körper kamen eitrige Bläschen zum Vorschein. Indessen betete man in der Genossenschaft unaufhörlich für ihn und man unterzog sich den strengsten Übungen; ebenso geschahen draußen in der Stadt ununterbrochene Gebete für ihn, besonders seitens des frommen Frauengeschlechtes, daß dem geliebten Bruder, der dem Tode schon nahe war und seine Auflösung sehnlich herbeiwünschte, das Leben erhalten werde. Der Pater Superior aber ließ Johannes unsere liebe Frau von der immerwährenden Hilfe bitten, daß ihm seine Lebenstage zum Nutzen unseres heiligen Ordens verlängert werden. Aus Gehorsam gegen diesen Befehl verband jetzt Johannes seine Gebete mit denen der übrigen und verpflichtete sich am 19. November, zu einem Gelübde folgenden Inhalts: O allerseligste Jungfrau von der immerwährenden Hilfe! Du weißt am besten, was mir frommt: wenn ich später heiliger, als ich jetzt bin, sterben werde, denn erhalte mir das Leben, welches ich ganz dem gütigen Gott und der Kongregation weihen will. Ich werde Dir gewiß dankbar sein; alle Tage meines Lebens werde ich drei Ave Maria beten zur Danksagung gegen die Dreieinigkeit für alle Wohlthaten und Vorzüge, womit sie Dich überhäuft hat." In der gleichen Nacht um 12 Uhr, da er auf seinem Schmerzenslager lag, fühlte er in allen seinen Gliedern ein heftiges Reißen, durch welches alle im Gesicht und an den Händen hervorgebrochenen Bläschen ganz verschwanden. In der folgenden Nacht, um die gleiche Stunde, merkte er wieder ein Reißen in den Gliedern, durch welches er seine frühere Gesundheit wieder erlangte, ohne daß irgend eine Spur von Schwäche an ihm zurückblieb. So konnte er am Morgen selbst in die Kirche gehen und die hl. Eucharistie (Kommunion) empfangen. Als dieses Wunder offenbar geworden war, brachte unsere Genossenschaft wie alle Gläubigen der gütigen Jungfrau Maria, die unsern Johannes hergestellt und wieder verjüngt hatte, die innigsten Danksagungen dar."

4. Sein glückseliger Tod

Reich an Tagen, noch reicher an Verdiensten wurde unser geliebter Johannes vor 4 Jahren krank; er litt an beiden Füßen an den Wasserpocken. Seine schweren Schmerzen aber ertrug er mit der größten Geduld und mit heroischer Standhaftigkeit, wie man eine solche nur bei den starkmütigen Märtyrern Christi findet. Denn nie kam auch nur die kleinste Klage aus seinem Munde, nie verdunkelte auch nur das leiseste Anzeichen von Ungeduld in seinem Antlitz jene himmlische Heiterkeit, die immer auf seiner Stirne glänzte. Die martervollen Schmerzen seines Körpers ertrug er mit Liebe, ja er wünschte noch größere Leiden zu dulden, um seinem gekreuzigten Erlöser noch ähnlicher zu werden. Als sich das Jahr seiner Ende zuneigte, ließen die Schmerzen, die infolge der Pocken verursacht wurden, unter der ärztlichen Behandlung etwas nach, so daß man allgemein meinte, unser Johannes sei noch weit entfernt vom Grabe. Aber ach, unsere Hoffnung ist trügerisch gewesen! Denn als seine Füße sich ein wenig gebessert hatten, fing er an, magenkrank zu werden. Alle möglichen Fleischarten, alle möglichen Speisen wurden ihm gereicht. Vornehme Frauen, die unserer Gemeinde zugethan und um die Erhaltung seines kostbaren Lebens besorgt waren, kochten feinere und leichtverdauliche Speisen und schickten sie ihm; diese genoß zwar der ehrwürdige Bruder; aber er mußte sie alsbald wieder von sich geben. Von nun an unterhielt nur Milch, Wein und der Genuß von etwas Cognac ein ganzes Jahr hindurch sein Leben. Welche hohe Seelenstärke der hl. Greis, dessen Tod wir so schmerzlich betrauern, besessen hat, das sollt ihr jetzt sehen. Trotz seiner Schwäche, trotz der gebrochenen Lebenskräfte, trotz seiner wunden Füße und seiner strengen Enthaltung von Speiß und Trank stand er doch morgens auf, ging durch die Stadt, lag geschäftig seinen Arbeiten ob, kam allen Verpflichtungen eines Religiösen vollständig nach und arbeitete mit solcher Freudigkeit, als wäre er erst ein Mann von 30 Jahren. "Bruder Johannes, ruh ein wenig aus, arbeite nicht so streng, du bist alt und schwach, du bedarfst der Ruhe!" ermahnte ihn oft der Pater Rektor. Diesem entgegnete Johannes mit einer wunderbaren Bescheidenheit: Ich bin nicht so schwach; ich habe bisher zum Nutzen der Kongregation arbeiten können; auf Erden muß ich arbeiten; im Himmel und nur im Himmel will ich ausruhen." Wer hätte dies glauben können? Er fühlte ein brennendes Verlangen nach der Reise ins himmlische Vaterland, und so wollte er selbst die Arzneimittel erschmähen. "Ich bin arm," sagte er zum Pater Rektor, "und die Armen verzichten in ihrer Krankheit gerne auf Heilmittel. Übrigens könnte es für mich kein größeres Glück geben, als in der Kongregation zu sterben: denn der Tod öffnet mir die Himmelspforte."

Inzwischen nahmen die Schmerzen immer mehr zu, niemand konnte dem Übel abhelfen, weder der Eifer der Ärzte noch die Liebe der Brüder, noch auch die hingebende und aufopferungsvolle Pflege seitens der Gott geweihten Jungfrauen und anderer frommer Fauenenspersonen. Als ich zum Beginn des Jahres dem Bruder Johannes die Neujahrsglückwünsche überbrachte und ihm mein Gebet versprochen hatte, daß ihm Gott sein Leben auf mehrere Jahre verlängere, sagte er: "Ich danke Dir, bitte aber nicht, daß ich länger lebe, sondern daß ich heilig sterbe; der Tod steht mir bevor, in kurzer Zeit werde ich aus dem Leben scheiden." Obwohl er sich immer zum Tod bereit hielt und sein ganzes Leben eine fortwährende Betrachtung des Todes gewesen war, so bereitete er sich dennoch mit der glühendsten Frömmigkeit auf denselben vor. Am 7.Januar legte er bei seinem Beichtvater, dem Pater Augustus Bruchez, eine Generalbeichte ab und tilgte im kostbaren Blute des Lammes Gottes die Schulden seines ganzen Lebens. Man kann nicht aussprechen, mit welcher Demut und Herzenszerknirschung er dies getan hat. Die Schmerzen nahmen zu und die Kräfte ab bei dem hl. Greis, der obwohl ungern, am 8.Januar wegen der herrschenden Schwäche sich zu Bett legen mußte. Da er den Tod mit schnellen Schritten herannahen sah, verlangte er die heiligen Sterbesakramente, die er am 11. des Monats mit auserlesener Andacht empfing. Bevor der ehrwürdige Pater Rektor ihn mit dem Krankenöl salbte, richtete er einige wenige Worte an den ehrwürdigen Greis; unter anderem sagte er: Geliebter Bruder Johannes! In dieser feierlichen Stunde muß ich dir wenigstens drei Worte sagen. Für's erste beglückwünsche ich dich im Namen der Übrigen. Denn bald wirst du aus dieser Welt, dem Thränental, zum Himmel, in die Wohnung der vollkommenen und ewigen Glückseligkeit, zu Gott und der allerheiligsten Jungfrau, unserer Mutter, reisen; du wirst in den Himmel wandern, das ist sicher, ja ganz sicher. Hast du doch in unserem Orden 50 Jahre lang nach Art der Heiligen gelebt. Diejenigen aber, welche in unserer Kongregation starben werden in den Himmel einziehen, wie unser hl. Vater Alphonsus versichert hat. Das zweite Wort Ist ein Wort der Dankbarkeit: Ich danke dir im Namen der ganzen Kongregation, besonders unserer hiesigen Genossenschaft, ja namens der ganzen Stadt Cuenca. Denn wer könnte alle die Dienste aufzählen, die du geleistet hast? Ich statte dir auch Dank ab für alle guten Beispiele, dadurch du die anderen die Heiligkeit gelehrt hast. Das letzte Wort ist endlich eine Bitte. Im Himmel wollest du unseres Ordens, unserer Genossenschaft, der ganzen Stadt Cuenca und deiner eigenen Familie, der du nach der Abstammung angehörst, nicht vergessen. Bitte für uns alle, daß wir heilig leben und heilig sterben." Nach diesen Worten sagte Johannes ganz ergriffen: "Ach, verschonet mich armen Sünder. Ich bitte herzlich alle um Verzeihung für die etwaigen Aergernisse, die ich in meinem ganzen Leben gegeben habe." Die Tränen ließen ihn nicht weiter sprechen ... Am gleichen Tage zur Mittagstunde, sagte er mir: "Mein Vater, um eine Gnade bitte ich dich noch: nach meinem Tod mögest du, ich bitte dich inständig, an meinen Bruder Chrysostomus einen Brief schreiben und ihm mitteilen, daß ich aller meiner Anverwandten im Himmel eingedenk sein werde. Für alle werde ich im Himmel flehen, daß sie ihre Seele retten. Dies allein frommt und liegt mir am Herzen."

Endlich am 20.9 ungefähr morgens um 3 Uhr, übergab der geliebte Bruder ohne Todeskampf und mit größter Fassung seine reinste Seele dem Schöpfer, in Gegenwart des Pater Rektors und des Bruders Hilarius aus dem Elsaß gebürtig. Um 9 Uhr wurde sein Leichnam im Ordenskleid in der Kirche aufgestellt: Sein Antlitz war schön, es zeigte keine Entstellung, sondern Anmut. Bald verbreitete sich über die ganze Stadt und die Nachbarorte die Todesnachricht von dem heiligen Manne und allerseits strömte eine ungeheure Menschenmenge zusammen, um das sanfte und durch den Tod geheiligte Antlitz des Bruders Johannes noch einmal zu schauen. Als sie den geheiligten Leichnam sahen, riefen alle, Männer und Frauen, Greise und Kinder, Laien und Geistliche aus: "Heilig ist er, heilig. Seine Seele ist in den Himmel geflogen." Es baten auch alle um Reliquien von ihm. Am folgenden Tag um 10 Uhr kam die ganze Stadt zum Leichenbegängnis des seligen Bruders. Die Leichenfeierlichkeit war ein wahrer Triumphzug. Er wurde wie ein kanonisierter Heiliger bestattet. Alle Kanoniker, die ganze Stadtgeistlichkeit, vornehme Männer und Frauen, gewöhnliches Volk, wer eben konnte, ging mit der Leiche. Der geliebte Johannes ruht in dem Grabmal, das er selbst gebaut hat. Seine Seele aber thront im Himmel mit allen Heiligen. Laßt uns den allmächtigen Gott und die süßeste Jungfrau, denen er mit so großer Treue gedient hat, bitten, daß auch unser Tod dem Tod des Johannes ganz ähnlich werde und wir einstens an seiner ewigen Glückseligkeit teilzunehmen gewürdigt werden. Das wünscht Euch allen, Ihr Verwandte unseres Bruders Johannes, von ganzem Herzen

Euer
demütiger Diener in Christo

Aug. Georgius Kaiser
C.S.s.R

Cuenca, im Staate Ecuador, am 28.Februar 1899

5. Brief von Pater Hamez vom 8.März 1899 an das Pfarramt Altsteusslingen

Antony, den 8.März 1899

Ehrwürdiger Vater!

Der teure Bruder Johannes Stiehle ist soeben gestorben am 20. Januar 1899 zu Cuenca am Aequator. Dies ist ein ebenso schmerzlicher wie unersetzlicher Verlust für unsere Gemeinden in Pacifique.

Geboren am 1.Juni 1829 trat Bruder Johannes vor ungefähr 50 Jahren in die Kongregation ein und legte am 19. Januar 1854 Profeß ab. Er wurde nach Cuenca geschickt, um dort eine Kirche und ein Kloster zu erbauen im Jahre 1873.

Die Dienste, welche er der Kongregation geleistet hat, sind unschätzbar. Er wurde in der That der Er - bauer von mehreren unserer Häuser und Kirchen in Pacifique, und durch seine Geschicklichkeit in dem Fach der Baukunst erwarb er mehr als einmal daß Vertrauen der Aequatorialregierung, für welche er Pläne zur Kathedrale in Cuenca entwarf und Brücken und Hospitäler erbaute. Infolge eines Erdbebens, durch welches eine große Anzahl von Häusern zerstört wurdet verschaffte er sich durch seine Arbeiten, weIche er ausführte, um die vom Einsturz bedrohten Häuser zu befestigen, beim Volke den Ehrennamen "Häuserdoktor." Zugleich war Bruder Johannes ein religiöses Vorbild, ein heiligmäßiger Bruder. Als solcher war er von der ganzen Stadt Cuenca anerkannt.

Das Alter mit seinem Gefolge von Schwächen und Schmerzen kam zu bald, die Gesundheit des ausgezeichneten Bruders auf die Probe zu stellen. Besonders seit 3 Jahren ließen ihn die Wasserpocken schreckliche Leiden erdulden, welche er mit einer bewunderungswürdigen Geduld, ja sogar mit Heldenmut ertrug. Trotz all dem schleppte er sich unermüdlich überallhin fort, wo man immer seine Dienste in Anspruch nahm, und führte die Erbauung der Kathedrale in Cuenca und des Klosters in Cenacle aus. Wenn man ihn ermahnte, seine Kräfte besser zu schonen, antwortete er: "Im Himmel habe ich genug Zeit, um auszuruhen; in der Welt muß man arbeiten."

Vor 9 Monaten wurde er von einem Magenleiden betroffen, welches ihn bald erschöpfen sollte. Er legte sich am 7.Januar zu Bette, um nicht mehr aufzustehen und wurde am 11. Januar mit den hl. Sakramenten versehen. Der ehrwürdige Pater Rektor pries ihn glücklich und sprach seinen Dank aus für die herrlichen Beispiele von Ergebung in den Willen Gottes, Gehorsam, Demut, Frömmigkeit und von der pünktlidhen Befolgung der Klösterregel. Statt jeder Antwort sagte er: "Ich bitte" die ganze Gemeinde um Verzeihung für die schlechten Beispiele, welche ich ihr gegeben habe" und vergoß reichliche Thränen.

So beschloß er sein Leben, jedermann erbauend bis zum letzten Atemzug. Er hatte Gott um die Gnade gebeten, das geistige Bewußtsein zu bewahren, und er wurde erhöhrt. Die ganze Zeit erweckte er Akte von glühender Hingabe an Gott und hörte nicht auf, sein Leben aufzuopfern, um Gott zu preisen und sich in seinen Willen zu ergeben. "Ich bin Redemptorist," sagte er, "als solcher will ich Seelen retten und für sie leiden." Er fügte noch hinzu: "Im Himmel werde ich besonders bitten für alle Mitglieder der Kongregation, auf daß alle heilig werden. Ach, unsere Kongregation, was für eine treu besorgte Mutter ist sie!" In Cuenca und in allen Gemeinden betete man um seine Genesung. Er bekundete dafür seinen Dank und setzte hinzu: "Betet nicht um meine Genesung, sondern betet vielmehr, daß ich sterbe und in den Himmel komme. Dort werde ich niemand vergessen."

Er.hatte gehofft, am 19.Januar, dem Jahrestag seiner religiösen Profeßablegung, zu sterben. Aber Gott verzögerte seine Abberufung bis zum folgenden Tage morgens 3 Uhr. Der gute Bruder starb gefaßt, indem er die Gebetsakte wiederholte, welche man ihm vorbetete bis zu seinem Ende. Die ganze Stadt Cuenca, der Bischof, der apostolische Administrator, die Stiftsherrn, die Geistlichkeit, die Gläubigen bezeugten seine Heiligkeit. Dies geschah bei seinem Leichnam, welcher in unserer Kirche aufgestellt war, indem eine große Menschenmenge an ihm vorbeizog und jedermann seinen Leib mit Rosen- kränzen und Medaillen berühren wollte. Man wollte sein heiligmäßig aussehendes Antlitz photographieren und abbilden. Das Leichenbegängnis war großartig. Die Stiftsherrn mit dem apostolischen Administrator an der Spitze nahmen dasselbe vor. Seitdem bittet man von aIlen Seiten um Reliquien von dem heiligen Bruder und wir würden nicht überrascht sein, wenn Gott mit Wundern diese feurige Verehrung der Gläubigen verherrlichen würde.

Inzwischen laßt uns für die Seele dieses so würdigen Dieners der Kongregation in unserem Gebete eingedenk sein! Solche Fürbitten sind durch die Klosterregel vorgeschrieben.

Im.Auftrag des hochehrwürdigen Paters Provincial

Hamez
C.S.s.R