Gemeinschaft zur Förderung des missionarischen Werkes von Bruder Johannes Baptista Stiehle CSsR. e.V.   © 2006ff

1. Der geistliche Mensch

Bruder Johannes Baptista Stiehle verband in seiner Person handwerkliches Können sowie baumeisterliches Genie mit einer ausgeprägten, tiefen Spiritualität. Die Zeugnisse dieser Spiritualität sind heute greifbar in über 60 Briefen, die von ihm erhalten sind und die zum Teil den gewöhnlichen Umfang eines Briefes weit übersteigen.

Neben den Briefen, auf die noch eigens eingegangen werden muß, gibt es über die Spiritualität von Bruder Johannes B. Stiehle weitere Zeugnisse von Zeitgenossen, die ihn wie folgt charakterisieren:

»In der Beobachtung seiner Gelübde war er jederzeit sehr gewissenhaft. Die Armut Jesu Christi nachahmend lebte er arm in That und Wahrheit. Die vergänglichen Schätze dieser Welt, deren Erwerbung ermüdet, deren Besitz beunruhigt, deren Verlust peinigt, verabscheute er beständig wie Kot. Auch nicht das Geringste, wodurch fromme Herzen nicht selten bestrickt werden, nämlich Blumenstöcke, Bildsäulen, kleine Statuen und anderes Derartiges, wollte er besitzen, damit er selbst arm desto ungehinderter dem Herrn in seiner Armut nachfolgen könnte. In den einzelnen Monaten durchmusterte er seine Zelle mit Luchsaugen, um alles, was die evangelische Armut verletzen könnte, sofort daraus zu entfernend. Was hier über Bruder Johannes berichtet wird liegt ganz in der Intention von Alfonso de Liguori (1696-1775), dem Ordensgründer der Redemptoristen, nach dem der Redemptorist im Kloster das Leben eines Kartäusers führen soll, um so zu einem überzeugenden Wirken in der Welt befähigt zu werden.

In ähnlicher Weise wie über die Armut wird von Bruder Johannes auch berichtet über die Einhaltung der übrigen evangelischen Räte: Keuschheit, Gehorsam, darüber hinaus auch über das Gebetsleben.

Das Armutsideal, das oben zum Ausdruck kommt, trägt stark asketische Züge; Bruder Johannes übte sich in strenger Selbstbeherrschung und Mäßigung. Das Gebet durchzog sein Leben wie ein Pulsschlag: »Man sah ihn immer als den ersten in den Chor hineingehen und als den letzten herauskommen; ohne Unterlaß gemäß dem Gebote des Herrn, stieß sein Herz fromme Gebete aus. jede Minute, die er von den notwendigen Geschäften und seinen kleinen Ruhepausen erübrigen konnte, verwandte er auf das Gebet. Mit dem Gebet fing er all seine Geschäfte an, setzte sie fort und führte sie zu Ende und ließ sich niemals vom Gebetsgeist abbringen.» Bruder Johannes verstand es, in seiner Person die uralte benediktinische Grundregel, das «ora et labora», das gegenseitige Sichdurchdringen von Gebet und Arbeit, gänzlich zu verwirklichen; so war für Bruder Johannes seine zeitaufwendige Arbeit «Gottesdienst», alles was er begann geschah zur größeren Ehre Gottes. In dieser Einheit von geistlichem und handwerklichem Lebensvollzug, die Bruder Johannes in seiner Person beispielhaft zusammenklingen ließ, liegt letztlich die überzeugende Kraft seiner Spiritualität und seiner Person selbst.

2. Die Briefe - Spirituelle Einflüsse

Analysiert man die Briefe von Bruder Johannes unter bestimmten Gesichtspunkten, so kristallisieren sich sehr bald, unter anderen öfter erwähnten Bereichen, einige Schwerpunktthemen heraus: Kreuz-Sühne, Himmel-Hölle, Lebenswandel-Tugend, Gebet, Marienverehrung und häufiger Kommunionempfang.

Mit diesen Themenbereichen steht Bruder Johannes ganz in der Tradition seines Ordens, angefangen bei Alfonso de Liguori, dem Ordensgründer. Seine Spiritualität flog wesentlich in die Ordensregel mit ein, von der man ausgehen kann, daß sie Bruder Johannes wie kaum ein anderer kannte und befolgte. Zentrum des Denkens von Liguori ist der konkrete Mensch, den er bedroht sieht, ewig verloren zu gehen. Die »ewigen Wahrheiten«, Tod, Gericht, Hölle, werden stark herausgestellt in der Verkündigung, ebenso die Verehrung Mariens, bei der die Menschen vor dem erzürnten Gott Zuflucht suchen sollen. Von Klemens Maria Hofbauer (1751-1820), dem ersten deutschsprachigen Redemptoristen und Generalvikar der Kongregation »jenseits der Alpen«, stammt die von Bruder Johannes oft wiederholte Anleitung zu häufigerem, ja täglichem Kommunionempfang.

Bruder Johannes weiß sein Leben ganz von der göttlichen Vorsehung getragen. Zu einem Zeitpunkt, als er noch nicht sicher ist, ob ihn die Redemptoristen endgültig in ihre Gemeinschaft aufnehmen, schreibt er an seine Eltern. »Sollte es jedoch der Fall sein, daß ich die Kongregation verlassen müßte, so würde Gott, der bis dahin so sehr für mich gesorgt hat, auch wieder für mich sorgen. Denn Gott selbst war es ja, der mich mit starker Hand aus dem Getümmel der Welt in den Ort des Friedens geführt hat, wie soll ich nun das Zutrauen zu ihm verlieren können, denn nicht Vater und nicht Mutter, nicht Schwester und nicht Bruder, nicht Verwandte und Bekannte, nicht Geistliche und nicht Weltliche haben mir diesen Stand angeraten, sondern Gott selbst war es, der mir die Freude der Welt abgeschnitten hat. ja! Gott selbst war es.« Nur Gottes Hilfe und die Fürsprache Mariens bleiben, als Bruder Johannes, an Pocken erkrankt, den Tod vor Augen sieht und am 19. November 1875 folgendes Gelübde ablegt: »O allerseligste Jungfrau von der immerwährenden Hilfe! Du weißt am besten, was mir frommt; wenn ich später heiliger, als ich jetzt bin, sterben werde, dann erhalte mir das Leben, welches ich ganz dem gütigen Gott und der Kongregation weihen will. Ich werde dir gewiß dankbar sein; alle Tage meines Lebens werde ich drei Ave Maria beten zur Danksagung gegen die Dreieinigkeit für alle Wohltaten und Vorzüge, womit sie dich überhäuft hat.« Die demütige Annahme des je Gegebenen im Vertrauen auf Gottes Führung und auf die Hilfe Mariens ist ein wesentliches Moment der religiösen Grundhaltung des Bruder Johannes.

Die Spiritualität der Redemptoristen zur Zeit von Bruder Johannes B. Stiehle steht noch ganz im Strom des nachtridentinischen Frömmigkeitsempfindens, wie sie seit den »Exerzitien« des Ignatius von Loyola von den Jesuiten propagiert wurde. Darüber hinaus ist diese Spiritualität gekennzeichnet durch ihre Nähe zum Frömmigkeitsempfinden des Volkes, was sich in den, zunächst verbotenen, später sich aber doch durchsetzenden Volksmissionen weiter entfaltet.

3. Franziskanischer Geist bei Bruder Johannes

Ein wesentliches Moment der Spiritualität von Bruder Johannes ist zweifellos ein sehr stark ins Gewicht fallender franziskanischer Geist. Bruder Johannes hat nicht nur erkannt, daß die Kirche aus Stein aufgebaut und erneuert werden muß, sondern ebensosehr die Kirche als Gemeinschaft der an Christus Glaubenden.

Wiederholt erwähnt er in seinen Briefen den prägenden Eindruck, den der Dritte Orden (Tertius Ordo Franciscanus) auf ihn machte. In einem Brief an seine Schwester Wallburga vom 4. Mai 1878 schreibt er sogar: »Es freut mich sehr, daß du in den Dritten Orden eingetreten bist, zu deren Mitgliedern ich mich zu zählen auch die Ehre habe.« Von hier aus erklärt sich eindeutig der franziskanische Zug in seiner Spiritualität.

Der Dritte Orden entstand im 13. Jahrhundert aus Bruderschaften, die sich unter dem Einfluß des Hl. Franziskus von Assisi zusammenschlossen, der wesentlich die Drittordensregel mitprägte. Das Ziel des Dritten Ordens war das Streben nach christlicher Vollkommenheit gemäß dem Evangelium. Typische Merkmale stellen eine tiefreligiöse Weltanschauung, ergebene Kirchlichkeit, offenkundige Nächstenliebe und menschenfreundliche Friedensbetätigung, nach dem Beispiel des Hl. Franziskus, dar. Mitglied konnte jeder Christ guten Willens werden, der sich entschied, dem Franziskanischen Armutsideal nachzustreben. So gehörten zum Dritten Orden Menschen aller Stände: Knechte und Mägde, Tagelöhner, Männer der Wissenschaft und Kunst, Fürsten, Könige, Kaiser, Bischöfe und Kardinäle.

Der Erste Orden, die Konventualen, war verantwortlich für den Dritten Orden und stellte Priester zu dessen Begleitung zur Verfügung. In der Reformation wurde der Dritte Orden zurückgedrängt durch erhebliche Beeinträchtigung des Ersten Ordens.

Von Spanien ging im 17. Jahrhundert eine Neubelebung des Dritten Ordens aus, die im 19. Jahrhundert eine neue Blüte erreichte, vor allem durch die Förderung des Papstes Leo XIII. (1878-1903).

In diese Zeit fällt das Leben und Wirken von Bruder Johannes; daher ist auch sein leidenschaftliches Bemühen um die franziskanischen Ideale verständlich: »Und gewiß nenne ich nicht ohne Ursache den dritten Orden das große Mittel seine Seele zu retten, welcher gewiß so zu nennen verdient, wegen seiner heiligen und weisen Regeln.«..

4. Abschließende Würdigung

Man würde jedoch der Spiritualität von Bruder Johannes B. Stiehle nicht ganz gerecht werden, wenn man sie nur in Fortsetzung und als Fortführung der traditionellen Spiritualität der Redemptoristen sehen würde. Zur Spiritualität einer Kongregation gehören immer einzelne Mitglieder, die sie leben, ja die die Grundlinien einer Ordensspiritualität in ihrem je eigenen Mensch- und Personsein verwirklichen. Ein leuchtendes Beispiel für ein gelungenes geistliches Leben ist Bruder Johannes und zwar so sehr, »daß er nicht allein von seinen Fratres, sondern sogar von seinen Patres bewundert wurde und ihnen als Vorbild diente«, was keineswegs selbstverständlich war, da die Laienbrüder zur damaligen Zeit Redemptoristen zweiter Klasse waren.

Bruder Johannes leistete nicht nur einer äußeren Ordensregel Gehorsam, sondern er vermochte die Ordensregel durch seine persönliche Christusbeziehung zu vertiefen. »Jesus ist der Spiegel in dem ich mich betrachte, (er ist die) lebendige Regel, nach der ich lebe, und das Muster und Vorbild, das ich erstrebe«.

Gewichtet man einmal die zeitbedingten Aussagen von Bruder Johannes nicht so stark, so tritt uns heute in ihm ein geistlicher Mensch von überragender Überzeugungskraft entgegen, der in seinem Leben ganz und gar widerspiegelte, was er glaubte und verkündete. Hierin liegt auch seine bleibende Bedeutung, die heute so aktuell wie damals ist, in einem Zeitalter, in dem dem Zeugnischarakter in der Glaubensweitergabe eine immer stärkere Rolle zukommt.