Gemeinschaft zur Förderung des missionarischen Werkes von Bruder Johannes Baptista Stiehle CSsR. e.V.   © 2006ff

  • Einführung in den Brief vom 10. November 1867
  • Bruder Johannes B. Stiehle über die "Sieben Schmerzen Mariens"
  • Bruder Johannes B. Stiehle über den "Rosenkranz der Sieben Schmerzen der seligsten Jungfrau Maria"
  • Erster Schmerz: Die Prophezeiung Simeons
  • Zweiter Schmerz: Die Flucht nach Ägypten
  • Dritter Schmerz: Der Verlust Jesu im Tempel
  • Vierter Schmerz: Jesus begegnet mit dem Kreuz seiner betrübten Mutter
  • Fünfter Schmerz: Der Tod Jesu
  • Sechster Schmerz: Der Lanzenstich und die Herabnahme vom Kreuze
  • Siebter Schmerz: Das Begräbnis Jesu

 

Einführung in den Brief vom 10. November 1867

Aus den über 60, von Franz Holzmann zusammengetragenen Orginalbriefen von Bruder Johannes Baptista Stiehle CSsR , ragt ein Brief sowohl hinsichtlich des Umfangs, als auch hinsichtlich des Inhaltes unter den übrigen heraus.

Es ist der Brief den er am 10.November 1867 an seine Geschwister Verwandte und Freunde sandte aus dem Kloster in Teterchen (Elsaß). In diesem äußerst umfangreichen und das gewöhnliche Briefmaß weit übersteigenden Brief behandelt Bruder Johannes vor allem folgende Themen: Das Ablaßwesen, verschiedene Rosenkränze, Dritter Orden des Hl. Franziskus, der Gebrauch und die Beschaffenheit der verschiedenen Skapuliere, verschiedene Gebete, Hinweise für das christliche Glaubensleben und die hier abgedruckten Meditationen zu den "Sieben Schmerzen Mariens", die den Bezug zu der Wallfahrt in seinem Geburtsort Dächingen auf der Schwäbischen Alb herstellen.

Bruder Johannes B. Stiehle bietet hier gleichsam ein reichhaltiges Kompendium für "Mittel die Seele zu retten", wie er schreibt, im Grunde Anleitungen und Hilfestellungen für das "einfache", gläubige Gottesvolk seinen Glauben zu praktizieren.

Obschon Bruder Johannes ein Kind seiner Zeit ist, der Sprachstil gibt dafür Zeugnis, sind die Grundanliegen im Wesentlichen auch heute noch dieselben; es geht ihm vor allem darum, den Glauben tiefer zu erleben und erfassen, vor allem aber voranzuschreiten auf dem Weg der Heiligung des je eigenen Lebens, etwas was das II. Vatikanische Konzil erneut formuliert hat (u.a. PO II,5; SC I,8;AA II,6).

Erstaunlich an diesem Brief ist darüberhinaus die umfangreiche Kenntnis der Väterliteratur (Hieronymus, Origines, Bonaventura) und die Verwendung zahlreicher Texte von Mystikerinnen, die zwar alle aus dem franziskanischen bzw. Drittordensbereich stammen. Bruder Johannes war selbst Mitglied des Dritten Ordens (Brief v. 4.Mai 1878) und war von der franziskanischen Spiritualität stark geprägt.

Dieser Brief stellt ein wichtiges Zeugnis für die Erforschung der Person von Bruder Johannes dar, aber ebenso ist er ein wertvolles Dokument der Spiritualitäts- und Frömmigkeitsgeschichte des letzten Jahrhunderts, deren Ausflüsse bis heute fortwirken.

Bruder Johannes B. Stiehle über die "Sieben Schmerzen Mariens"

Teuerste Geschwister, Verwandte und Freunde !

Obschon ich keineswegs, die Meinung hatte, mein Schreiben so sehr in die Länge zu ziehen und ich immer fürchte, es nicht genug abzukürzen, so kann ich es doch nicht über mich bringen, mich nicht noch ein wenig bei den Schmerzen der seligsten Jungfrau Maria aufzuhalten, und Euch noch einige schöne Gedanken von jedem ihrer Schmerzen mitzuteilen.

Auch habe ich ja nicht die Absicht, daß ein jedes alle diese Gedanken beherzigen solle, wenn es diesen Rosenkranz betet, sondern ich schreibe dieses nur, damit diejenigen, welche bei Abbetung dieses Rosenkranzes gerne betrachten wollen, sie nachdem sie ein oder das andre mal dieses durchgelesen haben, sich gleich wieder an solche Gedanken erinnern können. Und wie angenehm muß es wohl unserer geliebtesten Königin und Mutter sein, wenn wir an ihrem großen Leiden Anteil nehmen; wenn wir trauern mit ihr, weinen mit ihr, leiden mit ihr.

Ja, wer könnte ein so hartes Herz haben, daß er nicht teilnehme an jenem schmerzlichen Ereignis, welches sich damals zugetragen hat. 0, eine einzige Träne, vergossen aus solchem Mitleiden, wie angenehm muß dieselbe sein in den Augen Jesu und jener seiner heiligsten Mutter. Und können wir auch nicht wirklich weinen, so sollen wir doch wenigstens andächtig die Schmerzen Mariens betrachten und nicht vergessen der Schmerzen unserer Mutter. Und wenn wir dann uns mit frommer Teilnahme der Schmerzen Mariens erinnern, werden uns dann die Leiden Jesu nicht um so inniger zu Herzen gehen ?

O nein, die leidende Mutter können wir uns nicht denken ohne den leidenden Sohn. Ja deswegen ordnete es Gott so an, daß alle Umstände des Leidens Jesu seiner göttlichen Mutter aufs genaueste bekannt wurden, damit sie ihm so wahrhaft nachfolgen, wegen ihm und mit ihm die bittersten Leiden leiden konnte. Und um soviel edler die Seele des Menschen ist als der Leib, um soviel größer waren auch die Schmerzen, der anderen Märtyrer, denn Maria leidet nicht nur alle Schmerzen, die ihr göttlicher Sohn an seinem Leib erduldete in ihrem Herzen, sondern der Anblick dieser Leiden verursachte ihrem mütterlichen Herzen einen weit größeren Schmerz, als wenn sie selbst hätte diese erdulden müssen. Man kann nicht daran zweifeln, daß Maria in ihrem Herzen alle Mißhandlungen die ihr geliebtester Jesus zu erdulden hatte, mitleiden mußte, denn jedermann weiß, daß, wenn die Mütter bei den Leiden ihrer Kinder gegenwärtig sind, die Leiden ihrer Kinder ihre eigenen Leiden werden. Sie wohnte im Geiste der Todes angst Jesu im Ölgarten bei; sie sah ihn traurig bis in den Tod; sie sah ihn aus Angst und Bangigkeit Blut schwitzen - und gewiß war auch ihre Seele von tiefster Trauer erfüllt.

Welch ein Schmerz für sie, als sie vernahm, daß Jesus durch die treulosen Jünger verraten worden sei, wie er gefangen, unter vielen Mißhandlungen zu Hannas und Kaiphas geschleppt wurde, in einen Kerker geworfen, des anderen Morgen zu Pilatus geführt, falsch angeklagt, verleumdet, verspottet, zum Tode verlangt, unmenschlich gegeißelt, grausam mit Dornen gekrönt - endlich über ihn das Todesurteil gefällt wurde, und er selbst das Werkzeug seines Todes, das schwere Kreuz, durch die Straßen der Stadt zur Richtstätte nach Golgotha hinauftrug.

O schmerzhafte Mutter ! Was hat in dieser schrecklichen Nacht, an diesem qualvollen Morgen, deine Seele empfunden ? Nein, nicht ein Schmerz durchdrang dein zartes Mutterherz, nein jeder Schrei der Gottlosen, jeder Schlag der Geißelung, ja jeder Schmerz seiner Dornenkrone - kurz, jede seiner Leiden war für Maria ein eigenes Schwert, das ihr Herz durchdrang und ihr den Tod gebracht haben würde, wenn nicht Gottes Allmacht sie auf besondere Weise gestärkt und erhalten hätte.

Doch Euer Mitleiden mit Maria sei nicht ein müßiges, ein fruchtloses Mitleiden. Erweiset dasselbe dadurch, daß Ihr die Sünde und jede sündhafte Gelegenheit meidet. Erfreuet die göttliche Mutter durch einen frommen und gottesfürchtigen Lebenswandel und durch einen großen Eifer in allem Guten. Erfreuet sie auch durch oftmaliges und andächtiges Gebet für die heilige Kirche.( ... ) Bittet aber auch die schmerzhafte Mutter, sie wolle sich auch jener Unzähligen erbarmen, die an keine Besserung denken und lieber in ihrer Verkehrtheit und Unbußfertigkeit fortleben. O, das mächtige Fürwort der Gnadenmutter möchte es doch bewirken, daß diese Unglücklichen ihre Blindheit erkennen, die Lehre Jesu befolgen und zum ewigen Heile gelangen. Besonders opfert in dieser Meinung all Eure Leiden dem lieben Gott auf. So machen es viele frommen Seelen und vereinigen sie immer mit dem Leiden Jesu und seiner heiligsten Mutter Maria.

"O, meine Gebieterin !" rufe ich dir mit dem HI.Bonaventura zu, "Warum willst auch du dich auf dem Kalvarienberg aufopfern ? Genügt es etwa nicht, um uns zu erlösen, daß ein Gott sich kreuzigen läßt, warum wolltest du, seine Mutter, gekreuzigt werden ? Freilich reichte der Tod Jesu hin tausend Welten zu erlösen, aber diese gute Mutter wollte aus Liebe zu uns durch die Verdienste ihrer Schmerzen an unserem Heile mitwirken." O, eine solche Liebe zu uns verdient doch gewiß unsere Dankbarkeit. Beweisen wir sie wenigstens dadurch, daß wir oft an ihre Leiden denken und Mitleid damit tragen. Aber gerade deswegen, weil nur wenige Mitleid mit ihr haben und die meisten gar nicht an sie denken, beklagt sich Maria bei der HI.Brigitta; sie empfahl daher der Heiligen dringend an, recht oft an ihre Schmerzen zu denken: "Ich sehe mich um", sprach sie, " ob ich nicht einige finde, die Mitleid mit mir haben, allein ich finde nur gar wenige. Deshalb, meine Tochter, wenn auch viele mich vergessen, so vergesse du mich nicht; siehe, wie viel ich gelitten habe, suche mir nachzufolgen so gut du es vermagst und leide mit mir."

Bruder Johannes B. Stiehle über den "Rosenkranz der Sieben Schmerzen der seligsten Jungfrau Maria"

Dieser schöne, mit vielen Ablässen bereicherte und den Verehrern Mariens überaus nützliche Rosenkranz wurde von den sieben Stiftern des Servittenordens eingeführt. Diese sieben großen Diener Mariens,vom Heiligen Geiste erleuchtet, wollten durch Errichtung dieses Rosenkranzes der ganzen Christenheit ein leichtes Mittel an die Hand geben, um dadurch auf eine leichte Art und Weise die Sieben Schmerzen der göttlichen Mutter zu verehren.

Dieser Rosenkranz besteht aus sieben Gesätzen, wovon ein jedes Gesätz sieben Körner hat. Man fängt diesen Rosenkranz an, indem man sich mit dem heiligen Kreuz bezeichnet und dann gerade beim ersten Gesätz (ohne zuvor den Glauben zu beten) mit dem 'Vater unser‘, sieben 'Gegrüßest seist du Maria' indem man bei jedem 'Gegrüßest seist Du Maria' ein Geheimnis von den Sieben Schmerzen betet oder auch, wem es lieber ist, das Geheimnis vor jedem Gesätz ein wenig betrachtet; alsdann beschließt man das Gesätz: mit einem 'Ehre sei dem Vater'. Am Ende dieses Rosenkranzes befinden sich noch drei Körner, bei welchen man noch zum Schlusse drei 'Ave Maria' zu Ehren der Tränen, welche die seligste Jungfrau Maria bei diesem Leiden vergossen hat, betet.

 Die Geheimnisse dieses Rosenkranzes sind folgende:

  1. Dessen Leiden Simeon geweissaget hat.
  2. Den du mit Schmerzen nach Ägypten getragen hast.
  3. Den du verloren und mit Schmerzen gesucht hast.
  4. Der dir mit dem schweren Kreuz begegnet ist.
  5. Den du am Kreuze sterben gesehen hast.
  6. Den du hast sehen mit einer Lanze durchstechen, und der vom Kreuze genommen in deinen Schoß gelegt worden ist.
  7. Der unter deinem größten Herzeleid ist begraben worden.

Sehr angenehm würde es ohne Zweifel auch der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria sein, wenn bei der Betrachtung ihrer Schmerzen jedesmal eine Freude daraus würde und dieselbe man von ihr begehren würde. So könnte man zum Beispiel bei dem ersten Schmerz von ihr begehren: Ergebung in den göttlichen Willen und daß wir alles Elend und die Widerwärtigkeiten dieses Lebens mit Geduld ertragen. Beim zweiten Schmerze: sich loszuschälen von allem zeitlichen Leben wie ein Pilger, welcher seinem himmlischen Vaterland zueilt. Beim dritten Schmerze: Den Verlust der Gnade als das größte und einzige Übel anzusehen, sich bestreben selbe zu bewahren und wenn man sie verloren hat, sich alle Mühe zu geben, sie wieder zu erlangen durch eine gute Beicht. Beim vierten Schmerz: Mit Geduld und in Vereinigung mit dem Leiden Jesu und dem Schmerz Mariens das Kreuz zu tragen, welches uns der Herr zusendet. Beim fünften Schmerz: unsere Sünden aufrichtig zu bereuen, welche einzige Ursache des Todes Jesu und der Schmerzen Mariens waren, sowie ein großes Vertrauen zu setzen auf den Schutz der seligsten Jungfrau, welche am Fuße des Kreuzes unsere Mutter geworden ist. Beim sechsten Schmerze: Das Herz Mariens nicht mehr auf ein neues zu betrüben mit einer Sünde, durch welche wir ihren lieben Sohn auf ein neues wieder kreuzigen würden. Beim siebten Schmerze: Mitleid haben mit den Schmerzen Mariens und von ihr die große Gnade begehren, nämlich: Verzeihung unserer Sünden, die Beharrlichkeit im Guten bis an unser Lebensende, über alles aber die Liebe zu Jesus Christus.

Als die göttliche Mutter bei dem Kreuze ihres sterbenden Sohnes stand, konnte sie wohl mit Recht die Worte des Propheten Jeremia auf sich angewendet uns zurufen- "O, ihr alle, die ihr vorübergehet am Wege gebet acht und schauet ob ein Schmerz gleich sei meinem Schmerze." (Klgl 1,12)

O, ihr alle, die ihr hier auf Erden den Weg durchs Leben wandelt und die ihr gar kein Mitleid mit mir habet, schauet mich an, jetzt, da mein geliebter Sohn vor meinem Auge stirbt und sehet, ob unter allen Märtyrern jemand mir gleichgestellt werden könnte. Meine geliebteste Mutter! Es gibt niemanden, der einen Sohn gehabt hätte, den er liebte, als du deinen Sohn geliebt hast. Und weil dieser Liebe keine Liebe gleichen kann, darum kam auch deinem Schmerz kein Schmerz gleich.

Jesus Christus offenbarte der Heiligen Veronika von Binasco daß er, sozusagen mehr Wohlgefallen daran finde, wenn man mit den Leiden seiner Mutter, als mit den seinigen Mitleid trage: "Siehe meine liebe Tochter" sagte er zu ihr, "die Tränen, die man über meine Leiden vergießt, sind mir freilich sehr wohlgefällig, aber weil ich meine Mutter Maria unendlich liebhabe, so ist die Betrachtung der Schmerzen, die sie bei meinem Tode gelitten hat, noch weit wohlgefälliger."

Daher komm auch, daß Jesus denen, die eine große Andacht zu den Schmerzen Mariens haben, so große Gnaden verheißen hat. So der Heiligen Elisabeth geoffenbart wurde, versprach der göttliche Heiland schon dem Heiligen Johannes dem Evangelisten allen Verehrern Mariens vier ganz besondere Gnaden zu erteilen:

  1. Es sollen alle diejenigen, welche Maria um ihrer Schmerzen willen anrufen würden, die Gnade erhalten vor ihrem Tode Nahrhafte Buße zu tun für alle die von ihnen begangenen Sünden.
  2. Es werde der Herr ihnen in ihren Versuchungen, hauptsächlich aber in ihrer Todesstunde auf eine besondere Weise beistehen.
  3. Er wolle ihnen eine besondere Andacht zu seinem Leiden verleihen und sie dafür im Himmelreich belohnen.
  4. Er werde die Verehrer der Schmerzen Mariens den Händen der göttlichen Mutter übergeben, damit sie nach Belieben mit ihnen schalten und walten könne und ihnen alle Gnaden die sie wünsche erhalte."

O, welche Mittel, um unsere Seelen zu retten und zur ewigen Seligkeit zu gelangen; Gott gebe, daß wir alle es wohl benutzen.

1. ERSTER SCHMERZ: DIE PROPHEZEIHUNG SIMEONS

Ein jeder wird in diesem Tränentale geboren, um zu weinen, denn ein jeder muß die Übel leiden, die täglich auf ihn kommen. Aber wieviel peinlicher würde unser Leben sein, wenn wir die Leiden, die uns erwarten vorher wüßten . Gar zu unglücklich wäre derjenige, der ein so trauriges Los hätte. Allein, so wie Jesus ein Mann der Schmerzen geworden, so mußte auch Maria den bittersten Kelch der Leiden bis auf den letzten Tropfen trinken.

Das Herz Mariens war gewiß in unbeschreiblicher Freude, da sie als Mutter Gottes, ja als Mutter des ganzen Menschengeschlechtes mit einem solchen Opfer vor das Angesicht des Allerhöchsten treten durfte. Doch da sie das göttliche Kind dem himmlischen Vater aufopferte, da opferte sie sich selber zum Leiden und zum Tode für die Sünden der Weit. O welch ein Betrübnis war dies für Maria!

Nun sah sie, wie der fromme Simeon das Kind in seine Arme nahm und in ihm das von Gott gesendete "Heil der Welt" erblickte. "Das Licht zur Erleuchtung der Heiden und zur Verherrlichung seines Volkes Israel" (vgl. Lk 2,30-32). Allein welche schrecklichen Ereignisse sah sie in diesem Augenblicke, in er ihr verkündete, wie ihr geliebtes Kind ein Gegenstand des Widerspruches und der Verfolgung sein würde. "Siehe, dieser ist gesetzt als ein Zeichen, dem man widersprechen wird; und ein Schwert wird Deine eigene Seele durchdringen" (Lk 2,34-35).

In diesem Augenblicke erkannte die seligste Jungfrau alle Leiden und (den) grausamen Tod, welche ihren geliebten Sohn erwarten. Sie erkannte, wie man ihm in allen Dingen widersprechen werde, wie man widersprechen werde seiner Lehre, denn statt ihm zu glauben erklärte man es für eine Gotteslästerung, daß er gelehrt habe, er sei der Sohn Gottes.

Sie erkannte, wie man seine Lehre angreifen werde; und obgleich Jesus von edler Abkunft und aus königlichem Geschlechte war, so verachtete man ihn doch als einen Mensch niedrigen Standes. Er war die Weisheit selbst und dennoch behandelte man ihn als einen Unwissenden, selbst als einen Narren; als einen Fresser und Weinsäufer, als einen Menschen der nur mit schlechten Leuten Umgang und Freundschaft habe.

Er wurde gehalten für einen Zauberer, für einen Ketzer und Besessenen. Ja man sah Jesus für einen gottlosen, allgemein verschrieenen Menschen an, daß man es, um ihn zu verurteilen gar nicht für nötig hielt, sein Verbrechen zu untersuchen. Auch in seinem eigenen Herzen mußte der göttliche Heiland Widerspruch leiden, denn, um der göttlichen Gerechtig keit genug zu tun, wollte sogar der ewige Vater selbst ihm widersprechen, und deswegen, als Jesus zu ihm betete: "Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber" (Lk 22,42) wurde er nicht erhört, sondern der himmlische Vater überließ ihn der Furcht, dem Überdruß und der Traurigkeit, so, daß der betrübte Heiland ausrief: "Meine Seele ist betrübt bis in den Tod" (blk 14,34) und vor innerlichem Schmerz Blut schwitzte. Man widersprach ihm und verfolgte ihn endlich an seinem eigenen Leib und Leben. Es genügt, daß wir daran denken, wie all seine heiligen Glieder mißhandelt wurden, seine Hände, seine Füße, sein Antlitz, sein Haupt, sein ganzer Leib bis daß er den schimpflichen Tod am Kreuze gestorben war und all sein Blut vergossen hatte.

Die seligste Jungfrau offenbarte der hl. Brigitta( ) , daß so lange sie auf Erden lebte, keine Stunde vorüberging, in weicher dieser Schmerz ihr Herz nicht durchbohrt hätte. So oft ich meinen Jesus ansah, sagte sie, so oft ich ihn in Windeln wickelte, so oft ich seine Hände und Füße anblickte, so oft ward auch mein Herz von neuem Schmerz verzehret indem ich daran denken mußte, wie man ihn kreuzigen werde.

O, soll es uns noch auffallend vorkommen, wenn uns ein Kreuz drückt, oder wollen wir einen anderen Weg zum Himmel suchen, als jenen des Kreuzes? Gerade seinen Lieblingen schicket Gott am meisten Betrübnisse und Beschwernisse zu. Werdet also nicht mutlos, sondern freuet Euch viel mehr, wenn auch Ihr den gleichen Weg gehen müßt. Das Kreuz ist jenes Holz, an welchem unser Erlöser gehangen und wodurch er uns den Himmel eröffnet hat. Soll dasselbe Holz nicht auch unser Heil bewirken?

O, möchten wir doch den hohen Wert des Kreuzes erkennen, würden wir doch einsehen, welch eine große Gnade es sei, wenn uns (der Herr) mit Leiden heimsucht.

In dieser Vorhersehung erkannte Maria den Willen Gottes, in stiller Anbetung der göttlichen Ratschlüße schwieg sie und vereinigte ihre Leiden jetzt schon mit den Leiden ihres geliebten Sohnes, die über ihn kommen sollen. Siehe, mein Kind, spricht die seligste Jungfrau zu einem jeden von uns, siehe mein Beispiel, siehe was ich getan habe als das Schwert der Schmerzen mir angekündigt wurde. Nimm also Dein Kreuz in Geduld auf Dich. Siehe recht oft auf Jesus, den Anfänger und Vollender Deines Glaubens und lerne von ihm Geduld in Kreuz und Leid. Siehe aber auch auf mich, seine und Deine Mutter und lerne also von mir Hingabe an Gott und Unterwürfigkeit gegen seine heilige Vorsehung. 0, wenn Du nicht ein geduldiger und ergebener Kreuzträger wärest, dann dient auch Jesus Dir zum Falle, nicht aber zur Auferstehung und wenn etwa die Leidenszeit Dir zu lange erscheint, so denke, daß meine ganze Lebenszeit eine Leidenszeit gewesen ist. Das Schwert der Schmerzen haftet noch nach dreiunddreißig Jahren in Deiner Brust und Du möchtest es herausziehen. O, mein Kind, ich ermahne und bitte Dich - harre aus am Kreuze und trage dasselbe geduldig und gottergeben! Freue Dich, ein Gefährte Deines göttlichen Erlösers zu sein und mein Gefährte zu sein. Nur so, wenn Du mit uns wirst gelitten haben, wirst Du auch mit uns verherrlicht werden. Kein Triumpf ohne Sieg, kein Sieg ohne Kampf, kein Kampf ohne Leiden.

2. ZWEITER SCHMERZ: DIE FLUCHT NACH ÄGYPTEN

Kaum ist eine kurze Zeit verflossen, daß Simeon geweissaget hat, daß die Seele Mariens ein Schwert der Schmerzen durchdringen werde, so fing diese Weissagung schon an in Erfüllung zu gehen als nämlich Herodes sah, daß die Weisen ihn hintergangen hatten, beschloß er, alle Kinder, die sich damals zu Bethlehem befanden zu töten. Da erschien der Engel des Herrn dem heiligen Josef im Schlafe und sprach: "Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und fliehe nach Ägypten. Und er stand auf, nahm das Kind und seine Mutter bei der Nacht und zog fort nach Ägypten" (Mt 2,13-14).

O, mein Gott, muß denn der, welcher gekommen ist, die Menschen selig zu machen. vor den Menschen fliehen? Das Kind Jesus war kaum einige Wochen alt und dennoch soll sich seine Mutter mit demselben jetzt schon flüchten und zwar sogleich, in der Mitte der Nacht, bei gänzlichem Mangel alles Notwendigen, was man etwa für eine solche Reise braucht.

Und wohin soll wohl die große beschwerliche Reise gehen? Nach Ägypten - in ein ganz fremdes heidnisches Land! Ach, konnte es wohl einen größeren Schmerz für Maria geben, als daß derjenige, der kaum geboren war, schon mit seiner armen Mutter fliehen mußte. Man kann leicht denken, wieviel Maria auf dieser Reise zu leiden hatte.

Der Weg nach Ägypten war sehr weit, nach der gewöhnlichen Meinung soll die Entfernung hundert Meilen betragen, sodaß die Reise wenigstens dreißig Tage dauerte. Nach dem Hl. Bonaventura war der Weg rauh, schwer zu finden, häufig durch Gebüsch unterbrochen sind unbewohnt. Es war damals gerade Winter und deshalb mußte die Heilige Familie im Schnee und Regen, bei heftigem Winde, auf schmutziger und unwegsamer Straße ihre Reise machen. Maria war, wie der Hl. Alphonsus bemerkt, erst 15 Jahre alt, eine zarte Jungfrau, die an solche Reisen gar nicht gewöhnt war. O, mein Gott! - welch einen traurigen Anblick gewährte diese zarte Jungfrau, die, mit dem kaum geborenen Kinde auf dem Arme, fliehend die Weit durchwandern mußte. Was fanden sie wohl unterwegs zu essen, wo ruhten sie des Nachts aus? Wo fanden sie eine Herberge?

O, wie tief mußte dieses Schwert von tausend Mühsalen das Herz der so innig liebenden Mutter durchbohrt haben. Gewiß war ihre Angst unbeschreiblich groß, ihr Schmerz heftiger, als wir es uns nur denken können Doch Maria hoffte auf den Herrn. Sie hatte sich ja ihm ganz hingegeben, seiner Führung hatte sie sich von Jugend auf überlassen und sie wußte es, daß er jene nicht verlässt, die auf ihn vertrauen "Gott waltet! Gott leitet alles - und er macht alles gut". Das war ihr Glaube, das war ihre Hoffnung.

Wenn wir nun Jesus und Maria so auf der Flucht die Welt durchwandern sehen, so soll uns das eine (Lehre) sein, daß auch wir wie Fremdlinge auf Erden leben sollen und ohne Anhänglichkeit an die Güter, welche die Welt uns darbietet, da wir sie doch bald verlassen und in die Ewigkeit eingehen müssen. "Wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern wir suchen die zukünftige" (Hebr 13,14). Ein Fremdling bist Du, Du siehst mich und gehst vorbei.

Dieser Schmerz Mariens lehrt uns also auch, unser Kreuz geduldig zu tragen, denn man kann auf dieser Erde nicht ohne Kreuz und Leiden leben.

3. DRITTER SCHMERZ: DER VERLUST JESU IM TEMPEL

In seinem zwölften Jahre ging Jesus mit seiner heiligen Mutter und mit seinem frommen Pflegevater auf das Fest nach Jerusalem. Und siehe, als Joseph und Maria die Rückreise antraten, blieb der göttliche Knabe, ohne ihr Wissen in Jerusalem zurück. Da nun Gott uns die allerseligste Jungfrau Maria als ein Beispiel der Vollkommenheit geschenkt, so mußte er dieselbe auch mit Leiden überhäufen, damit wir ihre heldenmütige Geduld bewundern und nachahmen können. Einer der größten Schmerzen, den die göttliche Mutter auf Erden zu leiden hatte, war der, welchen wir in diesem Geheimnisse betrachten. O könnten wir doch den Schmerz fühlen, der damals das Herz der teuersten Gottesmutter durchbohrte. Die göttliche Mutter, ohne ihr göttliches Kind, welch ein Betrübnis! Nicht wissen, warum sie ihn verloren, noch wo er wäre, oder was er etwa zu leiden hatte, ach, wie mußte das alles die Seele Mariens gleichsam zerschneiden Und nach einer Offenbarung der Seligen Maria von Argrada hielten selbst die Engel danach Gespräche mit Maria zurück, um ihr kein Licht und keinen Trost zu geben über den Verlust Jesu.

Mehrere behaupten, daß dieser Schmerz Mariens nicht nur einer ihrer größten Schmerzen gewesen sei, sondern er der größte und bitterste war, den sie zu leiden hatte und dieses nicht ohne Grund. Denn die erste Ursache hiervon ist:

Daß Maria bei den anderen Schmerzen ihren geliebten Sohn bei sich hatte, aber bei diesem Schmerze litt sie fern von Jesus ohne zu wissen wo er auch nur sein möge. Origines sagte, daß um der Liebe willen, weiche diese heilige Mutter zu ihrem Sohne trug, sie bei diesem Verluste Jesu mehr Schmerzen litt, als irgend ein Märtyrer bei seinem Tode gelitten habe. Auch war dieser Schmerz Mariens der Größte, weil Maria bei den anderen Schmerzen die Ursache und ihren Zweck, nämlich die Erlösung der Welt und den Willen Gottes erkannte, allein bei dieser Trennung von ihrem Sohne konnte sie die Ursache und die Absichten Gottes nicht erkennen. Und vielleicht glaubte auch sie in ihrer Demut, daß sie der Herr darum verlassen habe, weil sie sich seines Dienstes unwürdig gemacht habe.

Als eines Tages die selige Benvenuta die allerseligste Jungfrau bat, sie wolle ihr erlauben, sie bei diesem Schmerze zu begleiten, da erschien ihr Maria mit dem Jesukindlein auf dem Arme; kaum hatte Benvenuta einige Augenblicke der Anschauung dieses wunderschönen Kindes genossen, da verschwand dasselbe plötzlich. Der Schmerz, den die Selige hierauf empfand, war so groß, daß sie zu Maria ihre Zuflucht nehmen und sie bitten mußte, sie solle ihr doch Barmherzigkeit wiederfahren, und sie nicht vor Schmerz sterben lassen. Erst nach drei Tagen erschien ihr Maria wieder und sprach zu ihr - "Wisse, meine Tochter, daß dein Schmerz nur ein kleiner Teil des Schmerzes gewesen, den ich beim Verluste meines Sohnes empfunden habe.

O, christliche Seele! Bei dieser schwersten Prüfung, die Gott über seine heiligste Mutter verhängte, gedenke jenes Unglückes, wenn Du durch eine schwere Sünde Gott verlierst. Gottes Gnade, Gottes Wohlgefallen, ja Gott selbst verlieren, welch ein unbeschreiblich großes Elend ist dieses. Laß Dich doch warnen vor einem solchen, vor dem allergrößten Unglücke, vor der Sünde. Aus eigener Schuld Gott, das höchste Gut verlieren, und ihn verlieren auf ewig: O, bedenke es wohl, was dieses sagen will. Nehme jetzt, da es noch Zeit ist, zu Maria Deine Zuflucht und bitte diese Mutter der Gnaden, sie solle Dich vor diesem großen Übel jederzeit bewahren oder wenn Du etwa schon gefallen bist, so bitte sie, sie wolle Dich mit ihrem göttlichen Sohne aussöhnen und seine Gnade und Liebe Dir wieder erlangen.

4. VIERTER SCHMERZ: JESUS BEGEGNET MIT DEM KREUZ SEINER BETRÜBTEN MUTTER

Die allerseligste Jungfrau offenbarte der Hl. Brigitta, daß, als die Zeit des Leidens Jesu herannahte, ihre Augen nur mit Tränen ge- füllt waren, indem sie immer an ihren Sohn dachte, den sie so bald verlieren sollte; sie fügte noch hinzu, daß die Furcht, die ihr der Gedanke an das schmerzhafte Schauspiel das sie erwartete, einflößte, kalten Schweiß auspresste, welcher alle ihre Glieder bedeckte. Endlich erschien der zum Leiden Jesu bestimmte Tag, Jesus nahm weinend Abschied von seiner geliebten Mutter, um dem Tode entgegenzusehen.

Betrachte nun im Geiste, o christliche Seele was einst an jenem heiligen Freitag zu Jerusalem geschah! Jesus - voll der tiefsten Wunden am ganzen Leibe, von den Juden zum Tode verlangt, von dem ungerechten Richter Pilatus dann wirklich verurteilt. Er mußte nun das schwere Kreuz tragen, auf seinen verwundeten Schultern auf den Kalvarienberg hinaustragen. Als der Morgen angebrochen war, da kamen die Jünger, einer nach dem anderen, um der allerseligsten Gottesmutter bald diese, bald jene Nachricht zu bringen, aber lauter traurige Nachrichten. Dieser erzählte ihr, auf welche Weise man ihren Sohn im Haus des Kaiphas mißhandelt habe, jener. wie verächtlich Herodes mit Jesus umgegangen sei u.s.w. Jetzt aber kam endlich Johannes und zeigte der allerseligsten Jungfrau an, daß Pilatus ihren Jesus zum Tode verurteilt habe. O, meine liebe Mutter, spricht er zu ihr, siehe, dein Sohn ist schon verurteilt. Er wird schon hinausgeführt, er hat schon das Kreuz auf seine Schultern genommen, um es selbst auf den Kalvarienberg zu tragen. O, liebe Mutter, willst du deinen Jesus noch einmal sehen und zum letztenmal Abschied von ihm nehmen, so komme mit mir in eine Gasse, durch welche er kommen muß. O, da kann die liebende Mutter nicht zurückbleiben.

Mit Johannes und Magdalena machte sie sich auf, um dem göttlichen Sohn wenigstens von jetzt an so nahe als möglich zu sein und ihn bis zu seinem Tode nicht mehr zu verlassen. Da folgte Maria dem Hl. Johannes An dem Blute, das sie auf dem Wege fanden, erkannten sie, wo Jesus schon durchgekommen war, wie sie dieses der HI. Brigitta offenbarte. Die Betrübteste ging durch eine kürzere Gasse, stellte sich an das Ende derselben, um da, wo ihr geliebtester Sohn vorbeigehen mußte. mit ihm zusammenzutreffen. O, welch ein schmerzliches Warten war dies für ihr gepreßtes Mutterherz! Ach! Wieviele Beleidigungen ihres geliebten Sohnes mußte sie da nicht vernehmen, welche Spottreden mußte sie selbst ertragen. Welch ein Schmerz verursachte ihr nicht der Anblick der Nägel, der Hämmer, der Stricke, die man herbeitrug und alle übrigen Leidenswerkzeuge ihres Sohnes. Welch ein furchtbares Schwert durchbohrte nicht da ihr Herz, als sie die Trompete vernahm, wodurch das Urteil ihres Jesus verkündet wurde. Aber siehe, schon ist die Trompete, schon sind die Marterwerkzeuge vorüber, schon sind die Gerichtsdiener vorbeigegangen, da erhebt sie ihre Augen, und, ach Gott .... sie erblickt ihren Jesus ..... vom Kopf bis zu den Füßen voll Wunden, mit der furchtbares Dornenkrone auf dem Haupt und ein schweres Kreuz auf den Schultern. O, welch ein Begegnen? Welch ein Anblick für Jesus, den besten Sohn Mariä? Welch ein Anblick für sie, die beste Mutter! Jetzt sollen sie einander nochmals sehen, um hinieden für immer getrennt zu werden! O, wenn sie auch keine Worte sprachen: Wer erfaßt es, was sie im Herzen mögen gefühlt haben ?

In welcher Gemütsstimmung wird wohl Maria diese schmerzhafte Begegnung ertragen haben ? Schon lange hatte sie sich ja Gott zum Opfer hingegeben, bereit zu allem, auch zu den höchsten Leiden, welche er über sie solle kommen lassen. Richten auch wir in den Stunden der Trübsale unseren Blick auf Maria, die Leidensmutter , auf ihren Glauben, ihre Standhaftigkeit, ihre Geduld, ihre Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes.

Wenn Dich irgendein Kreuz drückt, dann bist auch Du Deinem kreuztragenden Erlöser begegnet. Er ist Dir nahegekommen und sollst Du ihn nicht aufrichtig begrüßen und mit ihm das Kreuz, das seine liebende Hand Dir aufleget, willig und ergeben ertragen; es kamt ja von Gott, vom Vater des Himmels, es ist ein kleiner Teil vom Kreuze Jesu, ein kleiner Tropfen aus seinem Leidenskelche. Leide immer als Christ, das heißt aus Liebe zu Christo, der für uns so vieles gelitten hat und vereinige Deine Leiden mit den Leiden Deines Heilandes und seine geliebtesten Mutter Maria, damit sie so vereinigt viele Früchte bringe für die Ewigkeit. Wenn Du dann so für Jesus und Maria leidest, so werden sie auch mit Dir sein in Deiner Trübsal.

5. FÜNFTER SCHMERZ: DER TOD JESU

Als der heilige Johannes das Märtyrertum Mariens, welches sie am Fuß des Kreuzes erlitt, beschreiben wollte, so sagte er nur, "Am Kreuze aber stand seine Mutter" (Joh 19,25), als ob er sagen wollte, mehr läßt sich von ihrem Märtyrertum nicht sagen. Blicke sie an, wie sie am Kreuze vor ihrem sterbenden Sohne steht und sehet zu, ob ein Schmerz dem ihrigen gleiche.

Als unser geliebter Heiland auf Golgotha angelangt war, da rissen ihm die Henker seine Kleider vom Leibe und durchbohrten seine heiligsten Hände und Füße mit stumpfen Nägeln und hefteten ihn so ans Kreuz. Nachdem Jesus gekreuzigt war, zogen sie das Kreuz in die Höhe und ließen ihn langsam daran sterben. Darauf verließen ihn die Henker, aber Maria verließ ihn nicht, nein sie trat näher ans Kreuz um seinem Tode beizuwohnen. O, welch ein schmerzlicher Anblick ist es nicht, einen solchen Sohn am Kreuze mit dem Tode ringen zu sehen und unter dem Kreuze eine Mutter zu erblicken, welche mit dem Tode kämpft und dieselben Peinen litt, die ihr Sohn zu leiden hatte. Die seligste Jungfrau offenbarte der HI.Brigitta in welchem bedauernswürdigem Zustande sie ihren sterbenden Sohn am Kreuze erblickte. "Mein süßer Jesus" sprach sie, "hing ganz bedrückt, mit dem Tode ringend, am Kreuze. Seine Augen lagen tief, sie waren halb geschlossen und erstorben, seine Lippen hingen herab, sein Mund war geöffnet, seine Wangen eingefallen, sein Kinn lang, seine Nase spitzig, sein Angesicht traurig, sein Haupt war auf seine Brust gelehnt, seine Haare waren (vom) Blut ganz dunkel gefärbt, sein heilige Leib war ganz eingeschrumft, seine Arme und seine Beine waren ganz steif geworden, die übrigen Teile des Leibes waren mit Wunden und Blut bedeckt."

Alle diese Peinen Jesu Christi waren auch die Peinen Mariens, denn, sagt der Hl. Hieronymus, so viele Wunden am Leib Jesu waren, so viele Wunden waren auch im Herzen Mariens. Maria wohnte dem Tode ihres Sohnes bei und es ward ihr nicht erlaubt, ihm auch nur die geringste Erleichterung zu verschaffen. Sie hörte es, als Jesus ausrief- "Mich dürstet" (Joh 19,28), aber es war ihr nicht gestattet, ihm ein wenig Wasser zu reichen um seinen Durst zu stillen. Maria sah, wie ihr Sohn, der mit drei eisernen Nägeln an das Kreuz geheftet war, keine Ruhe fand, sie wünschte ihn zu umarmen um ihm dadurch sein Leiden zu erleichtern, oder damit er wenigstens in ihren Armen seine Geist aufgebe; aber dieses war ihr unmöglich.

Maria sah, wie ihr geliebtester Sohn in diesem Meer von Leiden sich jemanden suchte, der ihn tröste, aber er fand niemanden. Aber nichts versehrte den Schmerz und das Mitleid Mariens so sehr, als da sie vernahm, wie er auf dem Kreuze klagte, daß auch sein himmlischer Vater ihn verlassen habe. "Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?" (Mt 27,46 11 Mk 15,34). Diese Worte, sprach eines Tages die seligste Jungfrau zur HI.Brigitta, konnte ich nie wieder vergessen. Endlich vernahm sie noch den letzten Seufzer: "Es ist vollbracht!"(Joh 19,30) "Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist" (Lk 23.46). Jesus neigte das Haupt und gab seinen Geist auf. O, es starb derjenige, der Dein einziger Sohn, Deine Freude, Dein Trost, Dein Gott, Dein alles war, Maria! Du hast im Geiste mitgelitten. jetzt bist Du im Geiste auch mitgestorben.

Wenn in dies bittere Meer der Leiden, nämlich (in das) Herz Mariä sich noch ein einziger Trost ergoß, so war es der Gedanke, daß sie uns durch ihr Leiden zur ewigen Seligkeit verhelfe, wie unser Heiland dies der HI.Brigitta offenbarte, da er sprach. "Meine Mutter Maria ist um ihres Mitleids und ihrer Liebe willen die Mutter aller geworden, die sich im Himmel und auf Erden befinden."

O, Maria! O betrübteste Mutter unter allen Müttern, nie soll das Herz nicht erweichen bei dem Anblicke so vieler Leiden, welche unsere Sünden Deinem Sohne und Dir zubereitet hatten. O, Mutter der Barmherzigkeit, um des Todes Jesu, und der Verdienste Deiner Schmerzen willen, erlange uns Verzeihung unserer Sünden und der ewigen Seligkeit. Mein Herz trauert und weint beim Anblick Deiner Leiden. In (tiefer) Dankbarkeit rufe ich mit dem Apostel aus: "Jesus Christus hat mich geliebt und sich selbst für mich dahingegeben" (Gal 2,20).

O, christliche Seele, vergiß der Schmerzen Deiner Mutter nicht und trage ein zärtliches Mitleid mit ihr. Lerne aus ihrem Beispiele mit Jesus und aus Liebe zu ihm leiden, lerne geistiger Weise jetzt schon mit Christus sterben, damit Du einst auch mit ihm und mit seinem Beistande sterben könnest.

6. SECHSTER SCHMERZ: DER LANZENSTICH UND DIE HERABNAHME VOM KREUZE

"O, ihr alle, die ihr vorübergehet am Weg, gebet acht und schauet, ob ein Schmerz gleich sei meinem Schmerze" (Klgl 1,12). Höret Ihr, liebe Seelen, was die Schmerzhafte Mutter Gottes Euch zurufet:

Sehet meine lieben Kinder, ich verlange nicht von Euch, daß Ihr mich tröstet; nein, nach dem Tode meines geliebten Sohnes kann mich niemand mehr auf Erden trösten. Ich verlange nichts anderes von Euch, als daß Ihr Mitleid mit mir traget. Gebet also acht und schauet, ob es in der Welt einen Schmerz gebe, der dem Meinigen gleichkäme.

O, Maria, mit allem Rechte heißest Du:'Königin der Märtyrer', denn weit mehr als diese an ihrem Leibe gelitten, littest Du in Deinem Herzen. Du littest aus Liebe und weil Deine Liebe unermesslich groß war, darum war auch Dein Leiden unendlich groß.

Die Juden verlangten die Herabnahme des Leibes Jesu vom Kreuze, damit die Freude des folgenden Ostertages nicht gestört werde; weil man aber die Verurteilten vor ihrem Tode nicht herabnehmen konnte, so kamen einige Henkersknechte mit eisernen Ketten und Stangen, um ihnen die Beine zu brechen, wie sie dies bei den beiden Schächern getan hatten. O, welch ein Schmerz muß dies wohl für Maria, die noch den Tod ihres Sohnes beweinte, gewesen sein, als sie diese bewaffneten Männer auf Jesus zugeben sah. Bei diesem Anblick fing sie an vor Schrecken zu zittern: Ach, mein Sohn ist ja schon gestorben, hört doch einmal auf ihn zu beleidigen, hört doch auf, mich, seine arme Mutter zu quälen. Sie bat die Henker, sagt der HI.Bonaventura, sie möchten seine Gebeine nicht zerschlagen. Aber ach, als sie noch zu ihnen spricht, da sieht sie , wie ein Soldat gewaltig seine Lanze schwingt und mit derselben die Seite ihres Jesus öffnet. Bei dem Lanzenstich erzitterte das Kreuz, und das Herz Jesu ward zerteilt. Einige heilige Väter sind der Meinung, daß dies eigentlich das Schmerzensschwert sei, welches Simeon der seligsten Jungfrau vorher verkündet habe. O, welch ein furchtbarer Stoß muß dies für das Herz Mariens gewesen sein ? Jesus war tot und fühlte keinen Schmerz mehr, Maria aber fühlte den ganzen Schmerz; für sie war dieser Lanzenstich ein fühlbarer Stich, gleich als sollten alle ihre bisherigen Schmerzen sie nocheinmal mit einem Drucke zermalmen. Da die betrübte Mutter fürchtete, man möchte den Leichnam ihres geliebten Sohnes noch auf andere Weise mißhandeln, so bat sie Joseph von Arimathäa, sich von Pilatus den Leib ihres geliebten Sohnes auszubitten, damit sie ihn wenigstens nach seinem Tode bewahren und vor den Beschimpfungen der Juden sicherstellen könnte.

Betrachten wir jetzt, wie man den Leichnam Jesu vom Kreuze herabnimmt. O, allerseligste Jungfrau, siehe, nachdem Du Deinen lieben Sohn der Welt mit so vieler Liebe geschenkt hast, siehe, in welchem Zustande die Welt ihn Dir wieder zurückgibt. O, wieviele Schmerzensschwerter verwundeten das Herz dieser heiligen Mutter, als man ihr ihren toten Sohn in die Arm legte. Welch ein Schmerz muß dabei das Herz Mariä durchdrungen haben, als sie den zerrissenen Leib, die entfleischten Gebeine und seinen offenen Mund betrachtete O, welch ein Schmerz war es für sie, als sie ihm die Dornenkrone abnahm und sah, wie schrecklich die Dornen sein heiliges Haupt zerrissen haben, wich ein Schmerz, als sie die durchbohrten Hände und Füße ihres lieben Sohnes sah? - O, mein lieber Sohn, ruft sie, was hat Deine Liebe zu den Menschen aus Dir gemacht? Was hast Du ihnen getan, daß sie Dich auf solche Weise mißhandelt haben? - O, mein Sohn, Du warst für mich alles und bist jetzt tot! Siehe doch, wie betrübt ich bin, siehe mich doch noch einmal an und tröste mich; aber Du bist ja tot und kannst nicht mehr sprechen. O, ihr grausamen Dornen, ihr Nägel und du unbarmherzige Lanze, wie habt ihr euren Schöpfer auf solche Weise mißhandeln können ? Aber ach, nicht die Dornen, nicht die Nägel, nein, die Sünden der Welt haben meinen Sohn so grausam mißhandelt.

So sprach schon damals Maria und beklagte sich über uns. Aber was würde sie jetzt wohl sagen, wenn sie noch im Stande wäre, Schmerzen zu leiden? Welche Peinen würrde sie nicht auszustehen haben wenn sie sähe, daß die Menschen, nachdem ihr Sohn für sie gestorben ist, fortfahren, ihn durch ihre Sünden zu mißhandeln und zu kreuzigen? Ach, peinigen wir doch nicht länger die betrübte Mutter Jesu und wenn wir ihr auch früher durch unsere Sünden Schmerzen verursacht haben, so tun wir doch wenigstens jetzt, was sie von uns verlangt, da sie zwei uns spricht: "Nehmet es, o ihr Sünder zu Herzen" (Jes 1,10). blicket das durchbohrte Herz meines Jesu an und kehret reumütig zu ihm zurück, alsdann wird er Euch wieder aufnehmen.

O, meine liebe Mutter Maria! Habe Mitleid mit mir, der ich Deinen lieben Sohn und Dich so oft beleidigt habe, um Deiner Schmerzen willen erlange mir die Verzeihung meiner Sünden und die Gnade, Deinen Sohn und Dich nie wieder zu betrüben.

7. SIEBTER SCHMERZ: DAS BEGRÄBNIS JESU

Maria, ganz von Schmerz verzehrt, in unergründlicher Tiefe des Wehes und der Trübsal, hielt ihren geliebten Sohn unter dem Kreuze immer in ihren Armen, da nun aber die Jünger befürchteten, daß die arme Mutter vor Schmerz sterben möchte, so beeilten sie sich den toten Sohn von ihr wegzunehmen, um ihn zu begraben. Sie nahmen daher gewaltsam den heiligen Leib aus den Armen Mariens, balsamierten ihn ein und wickelten ihn in Tücher und trugen ihn zu Grabe. Auch die göttliche Mutter folgte diesem Trauerzuge und mit welchen Schmerzen! Bei all diesen herzerschütterten Auftritten wollte die trauernde Mutter anwesend sein. Ihre ganze Liebe ward jetzt in die finstere Felsenhöhle eingesenkt, o, wie gerne hätte Maria mit ihrem Sohn sich selbst begraben lassen, wenn dies der Wille Gottes gewesen wäre.

Da dieses aber nicht der Wille Gottes war, so wollte Maria den heiligen Leichnam wenigstens bis an das Grab begleiten, in welches auch die Nägel und die Dornenkrone niedergelegt wurden. Als man darauf den Stein in die Höhe hob, um das Grab zu schließen, da wandten sich die Jünger an Maria mit den Worten: Siehe, liebe Mutter, jetzt müssen wir das Grab zuschließen; blicke zum letztenmal Deinen lieben Sohn an und nimm Abschied von demselben.

O mein lieber Sohn, mußte alsdann die betrübte Mutter ausrufen: O mein lieber Sohn, so soll ich Dich denn nicht wiedersehen, empfange daher zum letzten Male , da ich Dich erblicken das letzte Lebewohl Deiner Dich so innig liebenden Mutter, empfange mein Herz, das ich bei Dir im Grabe zurücklassen will. Die unaussprechlichen Schmerzen, in welchen Maria zum letzten Male den heiligen Leichnam ihres Sohnes ansah, worauf das Grab verschlossen wurde!

O, die tiefinnige Trauer und Bangigkeit in welcher sie den langen Rückweg nach dem Kalvarienberge und von da in die Wohnung in Jerusalem machte! Welche schmerzliche Erinnerungen mußte da ihre Wehmut vermehret haben?

Und jetzt, obgleich der Sorge des Jüngers anvertraut, wie ist sie so ganz einsam, so allein und verlassen. Durch den Tod Vaterlos oder Mutterlos werden, des Gatten oder eines Kindes beraubt werden, das ist ein namenloses Leiden; aber was sind Vater und Mutter, Gatten oder Kind gegen einen Gott im Fleische!

Der hl. Bonaventura behauptet daß die Verwandten Mariens sich mit einem Trauermantel bedeckten, darauf alle, fügte er hinzu, wieder bei dem Kreuze, welches noch mit dem Blute ihres Sohnes ganz bedeckt war, vorbeikamen; da war Maria die Erste, die davor auf die Knie niederfiel und ausrief:
"O heiliges Kreuz, ich küsse dich, ich bete Dich an, denn Du bist nicht mehr ein verfluchtes Holz, nein, Du bist jetzt ein Thron der Liebe, ein Altar der Barmherzigkeit, ein Altar, der geweiht ist mit dem Blute des göttlichen Lammes, welches auf Dir für das Heil der Welt geopfert worden."

Darauf verläßt Maria das Kreuz und kehrt in ihr Haus zurück. Da erinnerte sie sich, wie sie ihren Sohn im Stalle zu Bethlehem umarmt, wie sie sich in der Wohnstätte zu Nazereth unterhalten hat, sie erinnerte sich, wie sehr sie einander geliebt, wie zärtlich sie so oft einander angeblicket haben und wie oft sie Worte des ewigen Lebens aus seinem Munde vernommen hat.

Darauf hat sie wieder die furchtbare Begebenheit dieses Tages vor Augen; sie erblicket die Nägel, die Dornenkrone, den zerrissenen Leib ihres Sohnes, seine Wunden, seine entblößtem Gebeine, seinen offenen Mund, seine dunklen Augen. O, welch eine Schmerzensnacht war jene Nacht für Maria! Die betrübte Mutter wendete sich bald an Johannes und fragte: O Johannes, wo ist Dein göttlicher Meister?, bald an Magdalena: Sage mir, meine Tochter, wo ist Dein Geliebter? O mein Gott, wer hat ihn uns genommen? - Maria weinte - und alle, die bei ihr waren weinten auch. Allein Du. geliebte Seele, Du weinest nicht. O Maria, rufe ich Dir mit dem Hl. Bonaventura zu: "Laß mich weinen, o meine liebe Mutter, laß mich weinen, denn siehe, Du bist unschuldig, ich bin der Schuldige."

Bitte sie wenigstens, sie wolle Dir die Gnade erlangen mit ihr zu weinen. Sie weinet aus Liebe, möchtest Du aus Schmerz über Deine Sünden weinen!